Vor der Haustür

Alles war gepackt. Bücher, Ordner, Fotoalben, Farben und Pinsel, Schuhe, Taschen, Jacken, Hosen – eben alles. Der gesamte Inhalt meines mittelgroßen WG-Zimmers. Alles in Kisten verpackt. Alle Möbel abgebaut, fertig zum Transport. Nur die Matratze lag noch mitten im Zimmer. Und darauf lag ich. Ich ließ meinen Blick durchs Zimmer schweifen. Für einige Monate war es mein Zuhause. Ich mochte es sehr. Die Wohnung teilte ich mit meinem Mitbewohner, der in unserer gemeinsamen Zeit zu einem sehr guten Freund geworden war. Nun verließ ich ihn für einen anderen. Ich musste schmunzeln. Meinen Freund kannte ich fast so lange, wie ich nun mit meinem Noch-Mitbewohner zusammenwohnte. Ich starrte wieder auf die Kartons. Alles was ich besaß und für meinen neuen Lebensabschnitt brauchte, fand gerade auf wenigen Quadratmetern Platz. Morgen würde ich ausziehen. Zum ersten Mal das Experiment wagen, mit dem Freund zusammen zu ziehen. Ich fühlte mich wie ein Teenie, der etwas zum ersten Mal tat. Wie die Großen. Vor Aufregung konnte ich nicht schlafen und schlurfte ins Nebenzimmer. Dort lag mein Mitbewohner auf dem Bett und starrte Löcher in die Luft. Das kannte ich schon von ihm. Zu müde, um ins Bett zu gehen. Ich legte mich neben ihn und wir starrten gemeinsam Löcher in die Luft.

Am nächsten Morgen war es soweit. Ich rollte die Matratze zusammen, trank Kaffee und machte mich auf den Weg zu meinem Freund. Wir holten den Transporter ab und luden gemeinsam mit Freunden erst seine und später meine Kisten und Möbel ein. Als mein Besitz im Sprinter verstaut war, hinterließ ich einen lieben Mitbewohner und meinen Namen an unserem Klingelschild .

Der Umzug lief glatt. Ich war fast enttäuscht, wie ruckzuck dieser entscheidende Schritt getan war. Nach wenigen Stunden brachte ich den Transporter zurück, während unsere Helfer oben in der Wohnung schon Schränke und das erste gemeinsame Bett aufbauten. Hach! Bevor ich zu ihnen ging, stand ich vor der Haustür und strich mit klopfendem Herzen über das Klebeschildchen mit den zwei Nachnamen. Das erste Mal, dass der Name neben meinem nicht der eines Mitbewohners war. Mein Herz klopfte noch höher.

Ein paar Wochen nach dem Einzug hatte ich mich in unseren vier Wänden und auf meiner Seite des gemeinsamen Bettes eingerichtet. Alles hatte mehr oder weniger seinen Platz in der Wohnung gefunden. Nur nicht mein Freund. So sehr ich auch Möbel rückte und versuchte Raum zu geben, er fand seinen Platz nicht. Nicht in der Wohnung. Nicht neben mir. Kein halbes Jahr später war es aus. Ich räumte meine Seite des Bettes und verkroch mich bei meinem ehemaligen Mitbewohner. Auch im Bett meiner liebsten Freundin war Platz für mich. Ich fand schnell ein neues WG-Zimmer. und zog aus. Als mein Besitz im Sprinter verstaut war, hinterließ ich einen leeren Platz im Bett und meinen Namen an unserem Klingelschild .

Wenige Tage später stand ich vor meiner neuen Haustür und betrachtete meinen Namen zwischen all den anderen Namen. Ganz still stand er da. Dicht neben einem zweiten Namen. Dem Namen meiner neuen Mitbewohnerin. Für einen Augenblick kam es mir so vor, als hätte ich im letzten halben Jahr nicht mehr geschafft, als meinen Namen auf drei Klingelschildern zu verewigen.

(September 2012)

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