Charlottenburger Cineasten

„Birdman? Sagt mir nichts“, rufe ich zwischen Zähneputzen und Wimperntuschen aus dem Bad. Aus der Küche werde ich informiert, dass es sich um einen Film über einen gescheiterten Superhelden-Darsteller handelt. Superhelden-Epos also? Das klingt etwa so spannend wie Transformers trölf oder bei wie vielen Teilen dieser Schwachsinn inzwischen angekommen ist.

Angefüttert mit den Eckdaten Edward Norton (Wer mag ihn seit „Fight Club“ nicht?), Broadway-Parodie, New York und „hat heute Nacht einen Oskar für den besten Film bekommen“ ist meine Neugier dann doch geweckt. Der Trailer musste gar nicht erst als Argument genutzt werden – ist aber trotzdem nett anzusehen.

Weil heute Montag ist, ich irgendwie quengelig und absolut nicht zur kleinsten Anstrengungen bereit, fällt unsere Wahl auf die Abendvorstellung im nur wenige Stationen entfernten Delphi Filmpalast, der den Film „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ in der Übersetzung zeigt. Jawoll, in deutscher Fassung. Ich bin heute (und manchmal auch sonst) ein Fauli und pfeif d’rauf, ob mir irgendwelche ach so genialen Witze der Originalfassung verloren gehen.

Nach einem kurzen Intermezzo an der Kasse, indem uns etwas oberlehrerhaft erklärt wird, wie wir uns im Kino zu verhalten haben (Sehe ich wirklich so aus, als müsste mir das erklärt werden? Auweia!), kaufen wir erst die Karten und anschließend zu teure Mentos, Rollo-Schoki und fancy Lemonaid. Dann geht’s endlich Richtung Kinosaal.

Boah! Ich hatte ganz vergessen, WIE schön das Delphi ist. Hier kann man noch den Schick der späten 1940er Jahre  spüren.Wir lassen uns in die Federkernpolsterkinosessel plumpsen und ich muss mich erst mal sortieren, wie ich es immer vor Filmvorführungen muss – Mütze aus, Jacke aus, Schal lasse ich an, Schuhe auch, Süßkram raus aus der Tasche. Mein Kramen wird von einigen Herrschaften aus dem Publikum mit schrägen Blicken quittiert.

Das Publikum ist, nun ja, unerwartet alt und sieht eher nach Oberstudienräten, Professoren und Pensionären als nach Studierenden oder Kinogängern aus, denen man die Verhaltensregeln in einem Lichtspielhaus erklären müsste…. ach, lassen wir das.
Nein, hier sitzen wir inmitten von Charlottenburger Cineasten, die noch während der Kinowerbung ihren Tagesspiegel lesen und mir damit die Sicht auf die Anpreisung neuester Konsumgüter nehmen. Und ich liebe Kinowerbung!
Hier im Delphi gibt es kein Popcorn – vermisst außer mir bestimmt auch keiner. Hier in den 40er Jahren wird Eiskonfekt gegessen und das zurechtgemachte männliche Mittfünziger-Paar schräg vor uns trinkt Radeberger zu den eben geschnittenen Apfelspalten.

Bevor der Film überhaupt begonnen hat, haben mich die Perlenpaulas vor uns schon halb durch den Film gespoilert: „…hat ja einen Oskar bekommen und Bördman ist quasi sein schizophrenes Zweit-Ich… versucht es jetzt am Brodwai… aber erst als Ädword Nortn dann… und seine Tochter… aber am Ende…“ Ich höre schnell weg, ärgere mich, dass Augenrollen geräuschlos ist und summe eine Spur zu laut „Berlin, du bist so wunderbar, Berlin…“ mit.

Endlich geht es los! Die Mentos und Rollos sind alle alle und ich bin bereit für den Film.

Nach 119 Minuten strecke ich Armen und Beine von mir und bin zufrieden. Mein Kino-Durst ist gestillt. Besonders die Kameraführung, die akzentuierenden Paukenschläge (Waren es Paukenschläge?) und die langsame Version von Gnarls Barkleys „Crazy“ haben mir gut gefallen. Bei diesem Lied werden immer Erinnerungen an einen meiner ersten Umzüge lebendig. Der Radiohit „Crazy“ hat damals das Streichen der Wände und das Gefühlschaos in mir begleitet. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zum Vogelmann. Auch die Schauspieler haben ihren Job sehr gut gemacht, obwohl ich der Meinung bin, dass ihre Gagen doch etwas unverhältnismäßig sind und berechtigterweise zu schauspielerischen Höchstleistungen animieren sollten. Dass ich kurz gegen Ende eingenickt bin hatte nichts mit dem Film zu tun. Ehrlich! Es ist Montag. Wer kennt es nicht, das 22.00-Uhr-es-ist-erst-Montag-Tief?

Wir lassen noch einen Moment den Film wirken, während der Abspann über die Leinwand flimmert. Am Ende sitzen nur noch wir und ein paar Reihen vor uns ein knutschend Paar im Saal. Wild knutschend, um genau zu sein. „Guck da nicht so hin“, höre ich es neben mir. Ich kann aber nicht weggucken. Außerdem merken die doch eh nichts. Sind die etwa alt? Tatsächlich. Beide bestimmt Richtung 50 oder was ich gerade noch alt nennen darf. „Haben die kein Charlottenburger-Zuhause?“ frage ich kichernd, sammele meine sieben Sachen zusammen und stolpere nach draußen.

Mein persönliches Fazit: Kino ist doch immer wieder schön. Und auch wenn mir der Spruch „wir teilen uns eine Vagina“ als eine Erklärung auf die Frage, woher man jemanden kennt, bestimmt nur halb so gut steht wie Naomi Watts, möchte ich ihn bei Gelegenheit gerne anbringen.

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