Der letzte Frühling

Es wird Frühling. Ich kann es spüren. Ich sollte vorfreudig sein. Aber ich wache morgens auf und denke oft an meinen letzten Frühling. Ich denke an die unaufgeregten Kleinigkeiten, die ihn so besonders gemacht haben und möchte sagen: „Hey na. Du bist doch der Frühling 2014. Es war so schön mit dir. Magst du nicht bitte zurückkommen?“ Aber das geht verdammt noch mal nicht!

Ich wohnte in einer der schönsten Wohnungen, die ich je bewohnt habe. Und unsere gemeinsame Zeit war leider viel zu kurz.

Ich denke an den März zurück, in dem die Sonne oft schon lang und warm schien. In meine Wollstrickjacke gekuschelt, verbrachte ich erste Sonntage draußen in der Sonne – mit Kaffee oder Bier, verkatert oder ausgeschlafen. Die Möwen und der Wind immer in der Szenerie der Hansestadt dabei.
Ich hatte mir überlegt, noch mal zu studieren, eines meiner beiden Zimmer für zwei Monate zu vermieten und mich zu verlieben. Die ersten beiden Vorhaben nahm ich mit einer Anmeldung zu einem Fernstudium und einem Eintrag auf WG-Gesucht selbst in die Hand. Mit meiner Neuentdeckung Tinder versuchte ich auch meinem dritten Wunsch etwas mehr Chancen einzuräumen.
Das Ergebnis: Den Beginn des Fernstudiums legte ich für Mai fest – ich wollte noch ein paar Wochen ohne nachmittägliche Lernerei genießen. Nach wenigen Emails und einem kurzen Skype-Interview hatte ich eine Mitbewohnerin gefunden. Und bei Tinder wischte ich mich gefühlt durch die ganze Stadt und alles was dabei heraus kam, waren ein paar Nachrichten, denen nach wenigen Zeilen die Motivation zum Antworten flöten ging – auf jeweils beiden Seiten wie mir schien.

Meine Mitbewohnerin zog am letzten Märzsonntag ein. Ich weiß noch genau, dass es ein sonniger und ungewöhnlich warmer Märztag war. Während sie sich einrichtet, vergrub ich am Nachmittag gemeinsam mit einem Freund meine Hände in Blumenerde, um dem tristen Innenhof seines Instituts etwas Frühling zu verleihen. Zwischen Blumentöpfen und Bier analysierten wir meine letzten mittelprächtigen Dates und befanden, dass es doch gar nicht so schlecht um mich stand und der Frühling ja schließlich gerade erst begonnen hatte.
Auf dem Rückweg bibberte ich vor Kälte auf meinem Rad. Tagsüber war es schon T-shirt-warm, kaum aber war die Sonne verschwunden, wurde es arschig kühl. Typisch Frühling eben.

Im April hatte ich erste Frühlingsgefühle, ich flirtete mit dem Leben an sich und immer mal wieder mit dem Freund eines Freundes. Tinder bot ja nicht viel. Weder aus meiner Wischerei in der Heimat ergab sich ein Match für einen kurzweiligen Nachrichtenwechsel, noch bot Hamburg irgendeinen Zeitvertreib in diese Richtung. Die App war ein Kuriositätenkabinett und Konversationen über mehrere Tage brachte ich dort nicht zustande. Bis zu einem Freitagabend.
Genau an dem Abend, als sich ein Wollfetischist in seiner Neigung nicht verstanden fühlte, mich blockierte und ich die App für absolut untauglich befand.

Meine Mitbewohnerin war ausgegangen und ich lag nachts um halb zwei angetrunken in meinem Zimmer, als der Vibrationsalarm ein Match verkündete und kurz darauf eine Nachricht erschien. Ich riskierte einen müden Blick, bevor ich dieses Tinder zum Teufel jagen wollte…

Absolut unverhofft entstand zu später Stunde aber doch noch eine Konversation mit jemandem, der 300 Kilometer entfernt ebenso angetrunken vor seinem Bett lag. Viele Nachrichten später schlief ich dann aber irgendwann ein.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit Frühlingslaune und die Sonne schien am wolkenlosen Himmel. Ich frühstückte ausgiebig mit meiner Mitbewohnerin und später kam noch ein Freund dazu. Es folgten einige Stunden im Park, ein Spaziergang durch die Stadt, die schon bereit für den Sommer war, eine Nacht in der Jupi-Bar mit einer liebsten Freundin, ein Ausflug nach Fehmarn, weitere Tinder-Nachrichten und ein Tatort den ich halb verschlief, weil ich die Nacht zuvor nicht geschlafen hatte. Ein perfektes Wochenende ging zu Ende. Die Erinnerungen trage ich im Herzen.

Ich denke an die ersten Grillabende des Jahres, die ersten Biere auf der Bordsteinkante in St. Pauli, Besuche von Freundinnen und Freunden, wenn wir uns mein Bett teilten und bei weit geöffneten Fenstern am Morgen von den ersten lauten Autos geweckt wurden, weitere Nachrichten mit zunehmend zaghafter Intimität und schließlich Ende März ein erstes Treffen, zu dem ich trotz größter Neugier überredet werden musste. Ich weiß noch genau, dass ich ein langsames Abflauen der täglichen Nachrichten einem abrupten Ende wegen Missfallen bei einem Treffen im sogenannten Real-Life definitiv vorgezogen hätte. Die Möglichkeit eines ehrlichen und innigen Kennenlernens schloss ich aus. Aber der Frühling 2014 meinte es sehr gut mit mir…

Im Mai begann mein Fernstudium, welches ich von Beginn an wegen einer beginnenden Verliebtheit, der Lust am Frühling und der neu gewonnenen Unbeschwertheit sträflich vernachlässigte.
Ich denke an das Fahrradfahren durch Mitte und Eimsbüttel, ich denke an das Frühstück im Hinterhof der Zehdenicker Straße und auf dem Dach der 102, ich denke an Picknick auf dem Altonaer Balkon und die Party im Pavillon Friedrichshain.
Ich hatte alles: Zukunftspläne, Frühling, ein hüpfendes Herz, die besten Freunde, die liebste Mitbewohnerin, die schönste Wohnung, einen Job, der mir nicht zu viel Zeit abverlangte und ein Leben in zwei großartigen Städten. Könnte ein Leben schöner sein? Wohl kaum.

Zu dieser Zeit konnte ich absolut nicht ahnen, dass sich bald darauf vieles änderte. Die Mitbewohnerin zog wie verabredet aus, aber der Rote-Beete-Salat und die Aufback-Croissants schmeckten fortan nur noch halb so gut, das Fernstudium lief schleppend, der Job sollte enden, meine Wohnung kernsaniert werden und ich entschied daraufhin, die Gelegenheit zu nutzen, um in meine Heimatstadt zurückzukehren.

Nun bin ich eine Zurückgekehrte und denke an den letzten Frühling. Ich denke an Smoothies am Morgen, Kaffee und Lernen in meiner sonnendurchfluteten Küche am Nachmittag, stundenlanges Quatschen und Zigaretten am Abend bei offenem Küchenfenster.
Der letzte Frühling war für mich die Absprache der morgendlichen Badezimmer-Zeiten, das tägliche Nachrichtenschreiben und die Verliebtheit, das Pendeln zwischen Hamburg und Heimat, tägliches Radfahren und allerschönstes Frühlingswetter.

Heute, ein knappes Jahr später, ist nicht alles schlecht. Wirklich nicht! Das Fernstudium läuft langsam aber stetig, die Freunde sind geblieben, die neue Wohnung hübsch gemacht, ein neuer – vielleicht besserer – Job gefunden, die Liebe gewachsen und in der Nähe. Das zeitraubende Pendeln gehört der Vergangenheit an. Ich weiß genau, dass es kaum einen Grund gibt, traurig zu sein. Aber warum liegen die Erinnerungen an den letzten Frühling so bleischwer auf meinem Herzen?

Vielleicht weil er einfach so schön war. Der letzte Frühling.

Foto: Christoph Strümpfel
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