Die Sache mit der Gelatine

Er kommt auf mich zugestürmt und aus seinen braunen Knopfaugen kullern dicke Tränen. Als ich ihn frage, was passiert ist, gibt er mir schluchzend zu verstehen, dass er gerade eine Gummischlange gegessen hat. Ich verstehe sein Problem sofort. In Gummischlangen ist Gelatine…

…und die ist oft vom Schwein. Ein absolutes No-Go für Menschen muslimischen Glaubens. Und nun steht dieser kleine Mensch vor mir, weint und fragt, wie er die Schlange aus seinem Bauch bekommt. „Gar nicht“, erkläre ich ihm. Streichele ihm über seine kleinen Schultern und beruhige die Traube weiterer kleiner Menschen um uns, die wild durcheinander die Katastrophe mit dem Schwein kommentieren.

Ich überlege kurz, ob ich die Sache mir der Gelatine vertiefe. Ob ich erkläre, dass sie nicht immer nur vom Schwein stammt, dass sie nicht nur in Gummibärchen vorhanden ist, dass es pflanzliche Alternativen gibt, dass manche Menschen aus überzeugtem Glauben kein Rind essen und wieder andere Menschen keinen Schaden nehmen, wenn sie Fleisch vom Schwein oder Rind essen.
Ich gucke in ein angsterfülltes Gesicht, das glaubt, einen groben nicht wieder gut zu machenden Fehler begangen zu haben und entscheide mich für den kurzen Lösungsweg.
Ich erkläre, dass es auch Gummibärchen ohne Gelatine gibt.  Wildes zustimmendes Kopfnicken um uns herum. Ich lege Überzeugung in meine Stimme und erkläre weiter, dass die Gummischlange sicher nicht mit Gelatine war. Wer beim nächsten Mal aber ganz sicher sein möchte, besser nachfragt oder im Zweifel auf das Gummitier verzichtet.
Die Tränen versiegen und ich bin ein bisschen stolz.

Problem gelöst, Sache erledigt.

Von wegen!

Die Kollegin bekommt Wind von der Tragödie und nimmt sich des Problems an. Allumfassend erklärt sie, dass Gelatine nicht schädlich ist. Dass sie schon oft Gelatine gegessen und noch nie Schaden genommen hätte. Sie erklärt, dass in anderen Ländern andere Menschen noch ganz andere Tiere essen. Dass man eigentlich jedes Tier essen könne, ohne Schaden zu erleiden. Es sei nur eine Geschmacksfrage. Nicht jeder mag schließlich Schlangen oder Kaninchen.
Jetzt guckt nicht nur ein Knopfaugenpaar erschrocken.

Sie fragt, wer diesen Blödsinn verbreitet, dass Gelatine schlecht sei und somit ein Kind zum weinen bringt?
Die üblichen Verdächtigen sind schnell gefunden.

Sie erklärt, dass nicht alles geglaubt werden soll, was ihnen zu Hause erzählt wird. Und dass Gelatine in weit mehr vorhanden ist, als nur in Gummibärchen oder Gummischlangen…
Ich merke, wie ich von Blicken durchbohrt werde. Wie meine Erklärung, dass die Gummischlange sicher nicht mit Gelatine war, stark bezweifelt wird. Schöner Mist! Glaubwürdigkeit ade.

Das Ein-Personen-Tribunal fährt fort, dass man den Mund halten solle, wenn man von Dingen keine Ahnung hätte anstatt Unwahrheiten zu verbreiten. Oder wisse hier irgendjemand wie Gelatine aussieht? Ich weiß es, sage aber nichts.
„Blau? Rosa? Bunte Kugeln?“, wird wild geraten. Die Empörung der Kollegin wird größer. Die Angeklagten sind noch zu klein, um zu wissen, dass Schweigen bei Unwissenheit oft die bessere Wahl ist.

Das Urteil wird gefällt: Wenn sie also nicht mal wissen, wie Gelatine aussieht, wie können sie also wissen, dass in der Gummischlange welche war? Und selbst wenn? Einmal gegessen würde es niemandem schaden! Angstmacherei und Anklagen diesbezüglich möchte sie künftig bitte nicht mehr hören.

Problem gelöst, Sache erledigt.

Das Osterkörbchen-Suchen kann beginnen.

Mir ist irgendwie der Appetit vergangen und ich denke daran, dass ich keine Gummibärchen mag, noch nie mochte.

Während ich noch überlege, wie ich das Thema „Gelatine“ kindgerecht und tolerant angehen würde, schaue ich dabei zu, wie sich die Schokoladen-Inhalte der Osterkörbchen mit den von zu Hause mitgebrachten Süßigkeiten mischen. Da werden Schokoeier ausgewickelt, Kaubonbons des Bonner Süßwaren-Konzerns verschwinden in den Mündern und alle greifen zu, als eine große Tüte mit „Mäusespeck“ rumgereicht wird. Ich erhasche einen Blick auf die Inhaltsstoffe (Glukosesirup, Zucker, Dextrose, Maisstärke, Wasser, Gelatine, Aromastoff…) und lehne dankend ab.

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