Synchronizität einer Beziehung

Ich sitze in der U-Bahn. Für gewöhnlich mache ich das regelmäßig. Und für gewöhnlich träume ich dann vor mich hin oder denke über dies oder das nach – mein Handy verweigert mir in den Tiefen der Großstadt nämlich den Empfang.
Gerade denke ich über den Begriff „Synchronizität“ nach. Syn-chro-ni-zi-tät. Wo hab‘ ich das nur aufgeschnappt?

Was genau bedeutet das überhaupt? Mein Smartphone brauch ich gar nicht erst zu befragen. Keine Empfangsbalken, keine Antwort. Ich meine mich zu erinnern, dass es eine Wechselwirkung oder etwas sich gegenseitig Bedingendes beschreibt, dass keinen ursächlichen Zusammenhang hat.

Wenn ich nachdenke, passiert es mir manchmal, dass ich starre ohne es zu merken. Ich starre dann vor mich hin und gerne auch mal Menschen an. Oft merke ich es erst, wenn ich mir einen mürrischen Blick einfange.
Gerade habe ich die ältere Frau auf der Sitzbank gegenüber angestarrt. Sie hat es aber nicht bemerkt, weil sie selbst starrt. Aus dem Fenster. Ohne eine Bewegung, ohne jegliche Form von Mimik. Das fasziniert mich.

Noch mehr fasziniert mich, dass der Mann neben ihr ganz genauso aus dem Fenster starrt, ohne eine einzige Regung. Beide sitzen genau gleich da. Die Beine leicht geöffnet, die Arme leicht überschlagen (wobei die linke Hand, auf der rechten ruht), unter den Händen haben sie ihre Handtaschen, eine Damen- und eine Herrenhandtasche. Sie gucken beiden aus dem Fenster und scheinen dort einen Punkt zu fixieren. Bis auf einen kleinen Fettfleck und ein paar eingekratzte Buchstaben kann ich nichts auf der Scheibe erkennen.

Sie gucken beide etwas grimmig. Zumindest wirken die versteinerten Mienen und die vier leicht hängenden Mundwinkel nicht fröhlich. Sie haben beide graublaue, müde Augen und graues Haar, welches vielleicht einmal aschblond war – vor vielen Jahren. Und beide sind in schwarz und grau gekleidet.

Ich gucke immer wieder verstohlen in meinen Schoß, sie scheinen mein Mustern aber nicht zu bemerken.

Faszinierend. Woran sie wohl denken, hinter ihren bewegungslosen Gesichtern? Sie saßen schon da, als ich vor 3,4,5,6 Stationen eingestiegen bin. In der ganzen Zeit keine Bewegung, kein Wort zwischen den beiden. Kein Zweifel, dass das Eheleute sind. Wie lange sie sich wohl schon kennen? Wie ihre Ehe wohl ist? Bewegungslos wie sie selbst? Ob sie überhaupt noch miteinander sprechen? Woher sie wohl kommen? Vielleicht von einer Beerdigung, so schwarz gekleidet wie sie sind. Irgendwie traurig, der Anblick der beiden.

Und ganz plötzlich stehen sie auf, gleichzeitig. Greifen sich an den Händen und bahnen sich mit kleinen, unsicheren Schritten den Weg zur Tür. Hand in Hand steigen sie aus und setzen Schritt vor Schritt auf dem Bahnsteig. Ich blicke ihnen hinterher, wie sie sich gegenseitig beim Laufen stützen.

Ich frage mich, ob das Synchronizität ist? Die optische Ähnlichkeit und die Entwicklung, ohne einander nicht mehr voran zu kommen.

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf, als ich merke, dass ich starre. Vor mir sitzt eine junge Frau mit ihrem Hund, die mein Starren mit einem empörten Blick straft.

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