Arbeiten in der Großstadt

„Und, was machst Du so?“ Da war sie wieder. Die Frage, die ich immer wieder höre, wenn ich jemanden neu kennenlerne. Um eine Antwort war ich nicht verlegen. Auch wenn mein Gegenüber vermutlich mit einer deutlich kürzeren Ausführung um meine derzeitige Jobsituation gerechnet hätte.

Es ist doch so: Wir können Geld verdienen oder arbeiten. So oder so. In Hamburg hatte ich einen Presse-Job. Mit halber Arbeitszeit und Tarif-Gehalt habe ich meine Brötchen verdient. Ganz gemütlich. Gemütlich und langweilig. Nach drei Jahren haben wir uns (fast) im Guten getrennt und ich bin auf zu neuen Ufern. Nach Berlin. Und hier arbeite ich jetzt.
Nicht als Journalistin, was ich immer sein wollte, aber nie wirklich war. Nicht als Geisteswissenschaftlerin, als Resultat meines Studiums. Und auch nicht mehr als Pressereferentin.

Fast täglich absolviere ich einen Spagat. Meine Akrobatik-Übung ist sinnbildlich für eine berufliche Grätsche zwischen digitaler Bespaßung der Großstadt-Elite und realer Unterstützung im sozialen Brennpunkt.

Zum einen gehöre ich der schreibenden Zunft an und erledige Auftragsarbeiten, die mir größtenteils Spaß machen. Ich lektoriere Ausstellungskataloge und verfasse auch selbst den ein oder anderen Webseitentext über großstädtische Freizeitaktivitäten. Davon werde ich nicht reich, aber es fühlt sich gut an, selbstbestimmt in einem kreativen Umfeld zu arbeiten. Ich freue mich, meinen Perfektionismus an Wörtern und Sätzen abarbeiten zu können und mit meiner Leidenschaft, dem Schreiben, ein paar schmale Taler zu verdienen.
Gratis on top habe ich die Möglichkeit mein Homeoffice, wann immer es mir beliebt, gegen ein schniekes Büro zwischen Kreativen zu tauschen.
Der Job gilt als hip und vielfach fehlgedeutete Eintrittskarte in die Welt der Instagram- und Tumblr-User, Medienmenschen, Vernissage-Besucher und Gästelisten-Tänzer.

Zum anderen arbeite ich seit diesem Jahr als Lehrerin ­– im sozialen Brennpunkt, wie es so „schön“ heißt. Ich versuche zu helfen, Sprachbarrieren abzubauen, zum Lernen zu motivieren und mögliche Perspektiven aufzuzeigen. Auch davon werde ich nicht reich (zumindest nicht in monetärer Hinsicht), aber es erfüllt mich. Irgendwie. Denn einfach ist es nicht. Beginnend mit dem frühen Aufstehen und endend mit dem rechtzeitigen Schlafengehen – Banalitäten, im Vergleich zu den dazwischen liegenden Herausforderungen des Jobs. Aber ich bin eben eine Nachteule und leide, wenn morgens um kurz vor sechs mein Wecker klingelt.
Auch dieser Job hat ein Extra, das nicht in der Jobbeschreibung steht. Der Blick hinter die Kulissen. Ich arbeite mit Kindern, die aus Syrien oder Tschetschenien geflohen sind und jetzt im Heim leben, die ihre Väter alle paar Woche für eine Stunde im Gefängnis besuchen dürfen, Geschwister verloren haben, ohne Essen in die Schule kommen, nicht warm genug angezogen sind oder Zuneigung suchen. Dem gegenüber stehen meine Freude über die kleinen, mühsamen Erfolge und das Vertrauen, dass mir von den Kindern geschenkt wird – einfach so. Und natürlich die freudestrahlenden Gesichter, die mich die Last des Frühaufstehens ertragen lassen.

Arbeiten in der Großstadt. So oder so.

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