Besuch bei den Großeltern

Es ist schon ein paar Wochen her, als ich nach der Arbeit durch Neukölln schlenderte. Ohne bestimmtes Ziel ging ich die Hermannstraße entlang und versuchte zu ignorieren, dass Zuhause das Lernen für das Fernstudium wartete. Als ich an der Ecke Schierkerstraße stand, blickte ich an der orangen Hausfassade hoch und dachte an meine Großeltern.

Ich dachte daran, wie anstrengend es damals war, als ich mit meinen noch sehr viel kleineren und kürzeren Beinen bis in den 3. Stock hoch lief. Ich dachte an die kratzigen Teppichfliesen über den ewig knarzenden Holzdielen im Flur, den meine Oma immer Diele nannte, und daran, dass ich dort ein Mal im Winter mit einem Eimer voll Schnee spielen durfte.
Ich dachte an die große Küche mit der Gastherme, deren geräuschvolles Anspringen mir als Kind irgendwie Angst machte. Ich sah mich als kleines Mädchen am Küchentisch sitzen und Kochen spielen – oft mit einem Mix aus Milch, Wasser, Backerbsen und Petersilie. Oft auch, wenn mein Opa nicht Zuhause war, da er den spielerischen und verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln nicht gerne sah. Oma ließ mich immer gewähren und war nie sauer. Auch nicht, wenn ich alle ihre Lippenstifte, die auf der Kommode in der Diele standen, mit geschlossenem Deckel aufdrehte.
Ich dachte daran, wie groß ich mir vorkam, als ich in meinem kleinen, rosa Frotteeschlafanzug mit den Palmen nicht mehr mit im Schlafzimmer, sondern allein in Mamas altem Kinderzimmer schlief.
Ich dachte an das Badezimmer ohne Fenster, wo ich selten meinem kindlichen Drang widerstehen konnte, alle meine Finger bis zum Boden in die großen Penaten- und Niveadosen zu stecken.
Ich dachte an den hochflorigen Teppich im Wohnzimmer, in dem ich beim Spielen immer einzelne der kleinen Figürchen aus unzähligen Silvesterknallbonbons verlor, die meine Oma in einem Keramikkrug mit Zinndeckel aufbewahrte.

Ich fragte mich, wie diese in meinen Gedanken so weit entfernte und doch vertraute Wohnung wohl heute aussieht?

Inzwischen war ich auf der Höhe U-Bahnhof Leinestraße angekommen und bog ganz automatisch in den Haupteingang von einem der Friedhöfe an der Hermannstraße ein. Ich war dort ewig nicht gewesen. Fünf, sieben oder gar zehn Jahre? Keine Ahnung. Ewig eben.

Die Wege waren noch immer vertraut: Immer geradeaus, über eine Wegkreuzung mit steinerner Figur hinweg, weiter geradeaus und nach der zweiten Kreuzung gleich rechts. Dann stand ich vor dem Grab, dass sich meine Urgroßmutter nun schon seit über 20 Jahren mit meinen Großeltern und seit über zehn Jahren mit meiner Großtante teilt.
Ich spürte die Sonne im Gesicht und blickte auf den kleinen Fleck Erde vor dem großen Stein und die Knospen der Blümchen. Der Anblick war vertraut, sogar die grüne Gießkanne lag noch immer daneben. Ob es nach all den Jahren noch immer dieselbe ist?

Warum hatte ich mit einem Besuch so viele Jahre gewartet? Ich hatte keine Antwort auf meine Frage, aber wusste, dass ich schon bald wieder kommen würde.

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