Kleines Einmaleins des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin

Das frühe Aufstehen und ich sind keine guten Freunde. Mein Wecker klingelt am Morgen um 5.30 Uhr. Wenn ich dann allerspätestens eineinhalb Stunden später zur Arbeit fahre, merke ich, ob die Nacht zu kurz oder gerade lang genug war, um keine Fehler auf meinem Arbeitsweg quer durch die Berliner Innenstadt zu machen.

Unterwegs mit U-Bahn, S-Bahn, Bus uns Straßenbahn lauern in Berlin viele Fettnäpfchen. Die Missachtung ungeschriebener Gesetze des Berliner Nahverkehrs führen zu unschönen Zwischenfällen wie hasserfüllten Blicken oder zwischen Zähnen hindurchgezischten Maßregelungen und Beleidigungen.

1. Sprintwege sind freizuhalten

Besonders morgens versuche ich mich den Sprintern auf dem Weg zur Station nicht in den Weg zu stellen. Wenn ich spät dran bin und gemeinsam mit den Sprintern zur Station renne, bemerke ich ihren Ärger über langsamer laufende oder im schlimmsten Fall stehende Menschen auf dem Sprintweg. Wer es sogar wagt auf der Treppe stehenzubleiben, wenn die U-Bahn bereits einfährt, sollte sich über ein erzürntes Aufschnaufen der Sprinter nicht wundern. Freundliche Hinweise wie „Nicht stehenbleiben, Du Heini!“, sind eine absolute Seltenheit.

2. Erst Aussteigen lassen!

Wer kennt es nicht? Die bestimmte Aufforderung von Fahrgästen, die keinerlei Interpretations- und Handlungsspielraum lässt, die uns andere Fahrgäste darauf hinweist, bitte (hier nicht als Bitte, sondern Aufforderung gebraucht) erst alle aussteigen zu lassen, bevor andere in den Wagon einsteigen: Erst Aussteigen lassen! Macht schon Sinn. Und verhindert eine Massenrempelei im Türbereich.
Schwierig wird es erst, wenn Aussteiger und Einsteiger sich in einer Person vereinen und eher von der ungeduldigen Sorte Mensch sind: Morgens ist die Berliner U-Bahn oft so voll, dass erst einige Leute im Türbereich aussteigen müssen, um anderen aus dem hinteren Teil des Wagons Platz zum Aussteigen zu schaffen. Die Aussteigenden weisen erst bestimmt auf die Regel hin und drängen sich dann dicht an dicht vor der Tür mit anderen auf dem Bahnsteig Wartenden, die ihrerseits einsteigen wollen. Manch Ungeduldige steigen jedoch schon wieder ein, während das Aussteigen noch nicht abgeschlossen ist und werden somit von den Ermahnenden zu den Ermahnten.
Ich versuche mich möglichst auf der anderen Wagonseite aufzuhalten. Mit angezogenen Füßen und manchmal angehaltener Luft, hoffe ich auf ein schnelles Weiterfahren der U-Bahn.

3. Durchrutschen

In vollen U-, S-, Straßenbahnen und Bussen findet diese dritte Regel vielfach in Kombination mit der vorangegangenen Regel Anwendung: „Erst aussteigen lassen! Und könntense ma’ bitte DURCHRUTSCHEN!“
Wenn ich es geschafft habe, den beiden ersten ungeschriebenen Gesetzen nachzukommen, passiert es mir oft, diese dritte Regel zu missachten und mir am frühen Morgen böse Blicke einzufangen: Halb schlafend stehe ich in der viel zu vollen U-Bahn und konzentriere mich darauf, mich weder in der Achsel- oder Atemzone anderer Fahrgäste aufzuhalten, noch meine Station zu verpassen. Über mehrere Stationen hinweg bin ich mit dem Aus- und Einstiegen bereits aus dem Türbereich in Richtung geschoben worden. Da stehe ich dann, halb schlafend. Wach werde ich dann wieder, wenn mir ein „Halloooo! Durchrutschen!“, ins Ohr gebrüllt wird. Die Wichtigkeit dieser Regel wird schon mal mit einem dampfwalzengleichen Schieben unterstrichen – ganz egal, ob denn nun im Gang noch Platz ist oder nicht.

4. Auf Rolltreppen NICHT links stehen

Beim Umsteigen von U- in S-Bahn habe ich mit zwei Mal die Wahl: Treppe oder Rolltreppe?
Wenn ich die Treppe laufe ist es wichtig, den Heraneilenden auf ihrem Sprintweg nicht in die Quere zu kommen (siehe Regel 1). Bei der Rolltreppe kann ich stehen und komme trotzdem voran. Allerdings ist es sehr wichtig, die Rolltreppenregel zu beachten. Gestanden wird nur rechts. Spätestens bei der Missachtung dieser Regel, werden ihnen die Boshaftigkeiten und das körperliche Näherkommen der Ermahnenden schlechte Laune bereiten. Versprochen!
Also tut euch selbst einen Gefallen und bleibt auf der Rolltreppe nur rechts stehen, wenn es denn unbedingt notwendig ist.

5. Do not sit in the Fahrradabteil (without a bike)

Die netten Menschen der Deutschen Bahn und BVG haben sich ganz schlaue Piktogramm überlegt, um auf geltende Regeln hinzuweisen. Wer, wie ich, manchmal nicht in der Lage scheint, diese Piktogramm zu lesen, kann sich entspannen: Es gibt viele nette, ehrenamtliche Mitarbeiter des öffentlichen Nahverkehrs unter den Fahrgästen, die freundlich auf die geltenden Regeln hinweisen.
Beispiel gefällig?
Das Piktogramm „Fahrrad“ ist leider nicht ganz eindeutig. Von mir wurde es bisher immer gedeutet, dass diese S-Bahn-Wagons für Fahrgäste mit Rad (obligatorisch) und ohne Rad (optional) sind. Ein sehr schlauer Fahrgast (mit Rad) wies mich aber mehrfach darauf hin, dass dieser Wagon nach seiner Auslegung nur für Menschen mit Fahrrad zu betreten ist. Erst schnitt er mir bei Betreten des Wagons mit seinem Rad den Weg ab und guckte ermahnend. Dann gab er mir mit dem Vorderrad seines City-E-Bikes einen zurechtweisenden „Stups“ in meine Wade. Und schließlich, als ich mich auf „seinen“ Sitz setzen wollte, zitierte er die Regel: „Der Sitz ist für Fahrradfahrer! Ich habe ein Rad dabei!“ Mein unverständliches Gucken deutete er wohl als ein Nichtverstehen seiner Sprache. So übersetze mir dieser ehrenamtliche Mitarbeiter des öffentlichen Nahverkehrs freundlicherweise dieses ungeschriebene Gesetz auch noch ins Englische: „Do not sit in the Fahrradabteil! Without a bike.“

6. Vorsicht vor leeren Plätzen

Dieses sechste ungeschriebene Gesetz ist weniger als Regel zu verstehen, vielmehr als eine Warnung, die nicht beachtet werden muss.
In morgendlichen, nachmittäglichen und abendlichen Stoßzeiten (abends vornehmlich rund um den Kotti und die Warschauer Straße) sind Sitzplätze im öffentlichen Nahverkehr von Berlin begehrt und rar. Solltet ihr das seltene Glück haben und in einem überfüllten Wagon aus der Ferne doch noch eine freie Vierersitzgruppe erspähen, so dürft ihr die Reservierungen der Sitzplätze ignorieren und euch selbstverständlich setzen. Wir sind hier ja nicht im Robinson Club!
Für den besonderen Großstadtthrill sind die reservierten Sitzplätze nicht mit Handtüchern, sondern mit verschiedenen Köperflüssigkeiten oder gleich dem schlafenden Selbst markiert. Please take a seat! Oder wie neulich eine junge Erasmus-Studentin zur anderen sagte: „Be caeeful of free Vierersitze in the Berliner U-Bahn.“

Diese Auflistung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sollte ich andere, wichtige Regeln und ungeschriebene Gesetze des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin vergessen haben, freue ich mich über Ergänzungen in den Kommentaren.

#ZänkJuForTrävellingWithDeutscheBahn #WeilWirDichLieben

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