Mut zur Lücke

Seit ich mich an Zahnärzte erinnern kann, höre ich beim jährlichen Kontrollbesuch: „Oh, Sie haben da ja noch zwei Milchzähne. Pflegen Sie sie gut.“ Ich pflege meine beiden Milchzähne ebenso lange wie ich mich an die Hinweise meiner über die Jahre wechselnden Zahnärzte erinnern kann – gefühlt ein Leben lang und fast pedantisch. Und dennoch wurde mein persönlicher Zahnalbtraum war: einer der beiden Zähne musste raus.

Dank einer Laune der Natur habe ich viel länger als eigentlich vorgesehen mit zwei Milchzähnen gelebt. Die zweiten, bleibenden Zähne, die meine beiden Milchzähne irgendwann zwischen der 6. und 9. Klasse hätten rausdrücken sollen, sind bei mir einfach nicht vorhanden. Damit blieben die beiden Milchzähne bei mir. Bis jetzt.

Da Milchzähne aber nicht für die Ewigkeit gemacht sind, kam es wie es kommen musste: Der Zahnarzt teilte mir mit, dass ich meinen Zahne bald verlieren würde. What? Ich war entsetzt und schickte unzählige Stoßgebete zur Zahnfee, dass doch noch ein Wunder geschehen und ein zweiter Zahn wie ein junges Bäumchen wachsen würde. Das passierte leider nicht. Stattdessen machte ich mir einen Termin, um das Ding ziehen zu lassen, da weiteres Warten nur zu einer Entzündung der Wurzel führen könne.

Als es soweit war, ging ich mit schwitzigen Händen ins Behandlungszimmer und kam mit einem halbherzigen sowie halbseitigen Lächeln und einem Zahn weniger heraus. Ich war untröstlich über den Verlust und versuchte durch meine noch taube Wange vorsichtig die Lücke zu betasten.

Ich brauchte ein paar Tage, um mit meinem neuen Mundgefühl klar zu kommen: Tag eins und zwei waren schrecklich – ich überlegte bis zum Einsatz des in mehreren Monaten geplanten Zahnimplantats nicht mehr die Wohnung zu verlassen. An Tag drei war ich dankbar, dass es nur ein Zahn und kein Finger war, den ich verloren hatte. An Tag vier stand ich unzählige Male vorm Spiegel und habe Lächeln geübt. An Tag fünf entschied ich mich, spätestens im Sommer doch mal die Wohnung zu verlassen.

Nach über einer Woche, etlichen Beteuerungen meiner Freunde, dass man die Lücke eigentlich gar nicht sieht, geteilten Leidensgeschichten über andere verlorene Zähne und dem sehr therapeutischen Youtube-Video von der bezaubernden Charlotte Roche, die Harald Schmidt ihren fehlenden Schneidezahn zeigt, ging es mir mit meiner Lücke schon viel besser. Und ganz bis zum Sommer habe ich mit meinem geübten Lächeln auf offener Straße dann doch nicht gewartet.

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