„Facebook ist meine Daily Soap“ // Wie sich sechs Wochen ohne Facebook anfühlen

Ostersonntag stand ich auf einem marokkanischen Berg, als mein Freund zu mir sagte: „Ab heute kannst du wieder Facebook benutzen.“ Stimmt! Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Der Moment, auf den ich vor 46 Tage noch so sehr hin gefiebert hatte, war nun da und ich hatte schlicht nicht mehr daran gedacht.

Umso mehr freute ich mich, dass die Fastenzeit offiziell beendet war. Nur hatte ich natürlich auf diesem verdammten Berg kein Internet.

Ihr erinnert euch? Ich hatte zu Beginn der Fastenzeit, am Aschermittwoch, großspurig angekündigt, dass ich Facebook fasten werde – digital Detox sozusagen. Nun möchte ich euch berichten, wie es mir 46 Tage ohne Facebook ergangen ist. Spoiler: Ich habe durchgehalten!

In der U-Bahn war mir langweilig
Wie oft man etwas benutzt, merkt man erst, wenn es nicht mehr zur Verfügung steht. Ich habe einen relativ langen Arbeitsweg, den ich gerne mit Facebook verbringe. Anfangs wurde mir nach zehn Minuten Instagram langweilig. Ich liebe Instagram, aber es verweist nicht wie Facebook auf Artikel und Seiten, die meine morgendliche Lektüre sind.

Ersatz zu finden war schwer
Ich versuchte es mit Alternativen. Theoretisch war ein Buch mein Favorit. Praktisch leider zu umständlich: Im Gegensatz zu meinem Handy, kann ich ein Buch nicht einhändig „bedienen“. Da eine meiner Hände morgens immer schwer damit beschäftigt ist, mich, meine Stulle und/oder Kaffee sowie gerne auch einen Beutel mit Kram für die Arbeit zu halten, blieben mir zum Umblättern der Seiten meine Nase oder die Mithilfe der Mitfahrer. Beides blöd.

Es stellte sich auch heraus, dass Musikhören nicht für jeden Morgen geeignet ist. Das Finden des „richtigen“ Sounds für den Tagesbeginn kann bei mir zu maximaler Frustration führen: Anklicken, reinhören, für falsch befinden, weiterklicken, wieder reinhören, für unpassend befinden, weiterklicken usw.

Letztlich war meine Alternative für den Arbeitsweg ein Mix aus Instagram, den Online-Ausgaben von ein bis drei Tages- und Wochenzeitungen und WhatsApp. Abends im Bett (auch eine beliebte Facebook-Zeit von mir), hatte ich meine Hände für ein Buch frei und versuchte manchmal im Gesicht meines Freundes abzulesen, was wohl in seinem Facebook los war. Leider absolut erfolglos.

Facebook ist mein Newskanal
Ich nutze kein Twitter. Damit ist Facebook in Punkto News in neun von zehn Fällen schneller als mein Radiosender, der in der Küche vor sich hin dudelt. Da ich nicht mehr in einer Redaktion arbeite, sind auch meine Kollegen in den allerseltensten Fällen schneller als Facebook. Ohne Facebook hatte ich fast ein bisschen das Gefühl, hinter’m Mond zu leben. Als die ganze Welt schon trauerte, hockte ich noch hinter meinem Mond, las Umberto Eco und guckte alte Löwenzahnfolgen. Dass die Helden meiner Kindheit und Studienzeit das Zeitliche gesegnet haben, erfuhr ich zufällig aus den U-Bahn-News und abends in den Nachrichten.

Quantität statt Qualität
Als ich dann am Ostersonntag vom Berg gestiegen und endlich zurück im Hostel war, nutzte ich die uns verbleibenden 15 Minuten bis zum Aufbruch in eine andere Stadt und loggte mich bei Facebook ein. Ich war ja so gespannt! Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich die Seite aufgebaut hatte… Ich hatte 12 Nachrichten und unzählige Benachrichtigungen bekommen.

Durch das Reisen und das langsame Internet dauerte es eine Weile, bis ich 46 Facebook Tage nachgeholt hatte. Am Ende war die Ausbeute etwas ernüchternd: Acht der Nachrichten waren Gruppenchats und hatten sich bereits erledigt, ohne das ich irgendetwas verpasst hatte. Die Benachrichtigungen waren größtenteils belanglos. Jede dritte war eine Mitgliedsanfrage für meine Gruppe, die sogar im Titel hat, dass sie bald gelöscht wird. Leute, Leute!

In über sechs Wochen ohne Facebook habe ich zwei wirklich schöne Nachrichten bekommen, zwei Geburtstage vergessen, eine Einladung verpasst sowie den Tod einer Schriftstellerin nicht mitbekommen.

Facebook ist meine Daily Soap
Mein Fazit: Natürlich kann ich ohne Facebook leben. Genauso wie ich in den Neunzigern auch ohne „Verbotene Liebe“ hätte leben können. Wollte ich aber nicht. Und ebenso wenig möchte ich auf die Beiträge in meinem Feed, belanglose Gruppennachrichten, Einladungen, empfohlene Artikel, Musik- und Film-Tipps und das tägliche Drama in den Kommentaren verzichten. Zumindest jetzt noch nicht. Vielleicht wenn ich groß bin. Oder das ganze Ding erledigt sich irgendwann von selbst, wie die vielen Seifenopern der Neunziger.

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Dieser Beitrag ist auch erschienen auf Mit Vergnügen Hamburg.

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