Blumen für Oma

Wenn ich meine Oma besuche, bringe ich ihr seit einigen Jahren immer eine Kleinigkeit mit. Sie sagt jedes Mal vorweg, dass sie nichts braucht, freut sich aber dennoch sehr über frische Erdbeeren, geschnittene Ananasstückchen, eine Fanta Zitrone oder Blumen. Genau wie Oma, liebe ich Blumen. Deshalb bringe ich ihr oft einen kleinen, bunten Strauß mit.

Im Frühling schenke ich ihr Narzissen oder Tulpen, im Sommer Sonnenblumen, im Herbst Chrysanthemen oder Dahlien und im Winter eine Amaryllis. Außerdem liebt sie Rosen, Gerbera, Gladiolen, Schwertlilien und Orchideen.
Ich konnte mir immer gut vorstellen, welche Blumen sie wohl mag. Denn meine Oma war und ist eine schicke Frau, ein wenig zu eitel zwar, aber schick. Früher empfand ich ihre Eitelkeit als anstrengend und der Anspruch den sie an junge Frauen, im Besonderen an ihre einzige Enkelin hatte, setzte mich nicht nur ein Mal unter Druck. Aber inzwischen mag ich es, dass sie auch mit ihren über 90 Jahren „gut auf sich achtet“, wie sie es nennt. Und zu einer schicken Frau passen eben auch hübsche Blumen mit besonders eleganten und auffälligen Blüten.

Als junge Frau hat meine Oma manchmal als Mannequin gearbeitet.

Mit mir und meiner Oma ist es ein bisschen wie mit den Blumen: Wir lieben und schätzen im Grunde das Gleiche und doch sind unsere Ansichten oft sehr verschieden. Ich mag Kornblumen, Disteln, Herbstanemone und blühende Zweige wie Flieder oder Quitte. Pfingstrosen mögen wir beide.

Im Fahrstuhl des Heims, in dem meine Oma seit einigen Jahren lebt, ist ein großer Spiegel. Dort kontrolliere ich immer, ob mein Lippenstift nicht zu rot und meine Haare nicht in einem zu strengen Knoten sind. Ich stelle dann meistens auch fest, dass mein Outfit vermutlich nicht dem entspricht, was meine Oma für schick hält.

Wenn ich nach dem Anklopfen ihr Zimmer betrete und ihr einen Kuss auf ihre zarte, fast pergamentartige Haut gebe, sage ich fast immer entschuldigend, dass ich gerade von der Arbeit komme. Ich habe ihr schon oft erklärt, dass ich dort praktische Kleidung bevorzuge. Selbst wenn ich eine Bluse zu meiner Jeans trage, gilt das für meine Oma als praktisch und nicht schick. Die Jeans, die meine Oma „Freizeithose“ nennt, dominiert für sie den Look. Und eine Jeans kann für meine Oma niemals schick sein.

Während ich dann meinen blühenden Schutzschild in eine Vase stelle, verschafft sie sich mit einem flinken Blick aus ihren graublauen Augen einen Überblick über mein Outfit. Selten sagt sie etwas dazu. Neulich hatte ich aber zufällig eine Jacke an, die sie als sehr schick lobte. Es war eine braune Wolljacke mit Echtfellbesatz – der Dachbodenfund einer Freundin. Die kleinen Mottenlöcher hat sie sehr wahrscheinlich nicht gesehen…
Ihre Augen sind seit einigen Jahren nicht mehr so gut. Vermutlich ist das auch der Grund, warum in letzter Zeit der linke Perlenohrring manchmal nicht passend zum rechten ist. Auch ihr Makeup hinterlässt immer öfter Spuren an den Kragen ihrer weißen Blusen oder sammelt sich in den Fältchen vor ihren Ohren. Die Fingernägel kann sie sich auch nicht mehr selbst lackieren, das lässt sie – so oft es geht – machen. Immer perlmutt-rosa. Von ihrem Schick hat sie trotzdem nichts eingebüßt.

Die Kommode meiner Oma

Meine Besuche sind mittlerweile ebenso routiniert wie meine Blumenauswahl für Oma. Wenn ich meine Jacke ausgezogen habe und sie ein Glas Fanta oder Saft vor sich stehen hat, plaudern wir über die hübschen Blumen, das viel zu trübe oder stickige Wetter, die Liebe im Allgemeinen und wie wichtig die Gesundheit ist. „Überhaupt ist die Gesundheit das Allerwichtigste“, sagt Oma immer. Ich erzähle von meinen Reisen, Oma erzählt vom miserablen Essen im Heim, einer netten Sendung im Nachmittagsprogramm und manchmal von Opa. Aber nicht sehr oft. Sie wird dann zu traurig. Sie würde vielleicht gerne mehr über mich, meine Sorgen und Pläne erfahren. Da ihre Vorstellungen und Wünsche für mein Leben aber nicht unbedingt der Realität entsprechen, halten wir das Gespräch meistens hübsch oberflächlich. Sie vermutlich, damit sie an ihren Hoffnungen festhalten kann und ich, damit ich sie nicht enttäusche oder mich über ihr Verständnis von Geschlechterrollen ärgere.

Wenn meine Oma nach ein bis zwei Stunden meines Besuchs müde wird, löst sie ihre ringbesetzten, ineinander verschränkten Hände aus ihrem Schoß und greift nach den Kopfhörern an ihrem Sessel. Die braucht sie zum Fernsehgucken, ihre Ohren sind nicht mehr so gut. Dann setzt sie die Kopfhörer auf, zwinkert mir zu und schaut sich nach der Fernbedienung um. Das ist mein Zeichen. Ich beginne mich von ihr zu verabschieden. Sie bedankt sich für die Blumen „das wäre doch nicht nötig gewesen, aber sie sind wunderschön“, beklagt sich, dass ich schon gehen muss (obwohl wir beide wissen, dass sie jetzt Ruhe braucht) und fragt, wann ich sie das nächste Mal besuchen komme. Ich gebe ihr noch einen Abschiedskuss auf ihre zarte Haut, bevor ich gehe und ihre Zimmertür vorsichtig hinter mir zuziehe. Im Fahrstuhl betrachte ich mich noch einmal in dem Spiegel und denke, dass Rosen und Kornblumen, richtig arrangiert, zusammen auch einen hübschen Strauß bilden.

 

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