Deine Hände

Nicht loslassen. Bitte nicht loslassen. Halte meine Hand. Noch ein bisschen.

Ich lasse dich los. Weil plötzlich ein Bekannter neben mir steht. In diesem Moment spüre ich wieder den Bass wummern. Beginne ein Gespräch mit dem Bekannten und drehe dir kurz meinen Rücken zu. Drehe mich direkt wieder zu dir und stelle euch einander vor. Der Bekannte zwinkert mir zu. „Nein, nein. Kein Date“, sage ich. Ich denke, dass es sich aber irgendwie anders anfühlt. Halte Smalltalk, durchwühle meine Taschen erst nach Blättchen und dann nach Filtern, drehe mir eine Zigarette, kann dem Gespräch nicht folgen. Ich möchte dem Gespräch nicht folgen, sondern wieder mit dir allein sein. Allein zwischen den anderen Tanzenden, Lachenden, sich Küssenden, Trinkenden. Ich frage meinen Bekannten nach seiner Freundin. Einmal, zweimal, dreimal. Will er denn nicht verstehen? Ich setze zum vierten Versuch an und er versteht. Endlich bahnt er sich schwankend seinen Weg in Richtung Bar.

Wir sind wieder zu zweit. Kein Wort. Wir tanzen. Ich kann dich nicht anschauen. Ich gucke in die Bäume über uns. In ihren Zweigen hängen kleine bunte Lampions und Diskokugeln. Alles funkelt und leuchtet. Dazu der Bass. Tief und satt massiert er mich, meine Füße begleiten den Takt.

Es ist wahrscheinlich die letzte warme Nacht des Jahres. Es ist September. Die Luft ist ganz mild. Ich fühle mich von ihr und der ganzen Umgebung gestreichelt.

Wir kommen uns beim Tanzen wieder näher. Oder komme ich dir näher? Ich weiß es nicht. Es ist sehr eng zwischen all den anderen. Aber nicht eng genug. Ich gucke dich an. Aber nur ganz kurz. Muss lächeln, möchte strahle, schließe die Augen und drehe mein Gesicht wieder dem Funkeln in den Baumkronen zu. Komme dir noch etwas näher und nehme deine Hand. Schlagartig wird alles um mich herum wieder leiser. Es ist so schön. Es tut so gut.

Beim zweiten Mal fühlt sie sich schon nicht mehr ganz so fremd an, deine Hand. Sie ist auffällig rau. Aber warm. Ich möchte mich rechtfertigen. „Es tut so gut. Hand in Hand. Hatte ich so lange nicht“, stammele ich. Das klingt alles komplett dämlich. Und dazu ist es halb gelogen. Ich habe Hände gehalten in der letzten Zeit. Nur hat es sich anders angefühlt. „Deine Hand ist ganz warm.“ Warum kann ich meine Klappe nicht halten?

Ich gucke wieder in die Baumkronen. Alles funkelt jetzt noch viel mehr.

Ich möchte deine Hand nicht loslassen. Doch irgendwann wirst du auch an diesem Abend wieder vernünftig sein und nach Hause wollen. Ich mag nicht gehen. Die Party ist doch noch gar nicht vorbei. Und es ist vielleicht die letzte Chance des Jahres im Freien zu tanzen. Du möchtest trotzdem los und auch für mich ist Bleiben keine Option, da ich wenigstens noch den Heimweg ein Stück mit dir teilen kann.

Wir haben Glück und werden mit dem Auto mitgenommen. Ich setze mich hinten neben dich. Unsere Hände finden sich wieder. Ich rücke ein Stück näher zu dir. Ich schließe die Augen und lehne mich an deine Schulter. Ich halte deine Hand so zärtlich wie möglich, verborgen vor den Blicken der beiden, die vorne sitzen. Ich wünschte wir hätten Zeit. Aber die haben wir nicht. Wir müssen aussteigen und ich muss deine Hand loslassen.

Dann sitzen wir uns in dem grellen Licht der U-Bahn gegenüber, bis du dich von mir verabschiedest und aussteigst.

(September 2013)

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