Deine Freiheit

„Heute kommst du zu mir. Zwei ganze Woche lang. Dein erster Europabesuch“, das sind meine ersten Gedanken am Morgen. Der Wecker hat noch nicht mal geklingelt. Es ist August und vor dem Fenster Hochsommer. Ich freue mich auf dich. Es war nicht leicht, deinen Besuch zu organisieren. All die lästigen Formulare! Und was die Behörden und Botschaften alles wissen wollen… Nur damit dir überhaupt erstmal die Chance geben wird, sich für einen Aufenthalt in Deutschland bewerben zu dürfen. Alles aus Vorsicht, damit du nicht vielleicht bleibst und dir hier ein Leben aufbaust. Dabei ist das für dich total abwegig. Du bist so Heimatverbunden, möchtest nur die Welt durchs Reisen kennenlernen. Du liebst deine Familie und auch deinen Job viel zu sehr, um so weit von ihnen leben zu können. Und doch haderst du oft mit deinem Leben Zuhause, vor allem mit den dortigen gesellschaftlichen Regeln und Zwängen.

„Du kannst hier machen was du willst.“ Meine Worte richten sich an deine großen, braunen Augen, als ich dich am Flughafen abhole. Du nickst freudig dazu, verstehen tust du mich aber nicht. Zumindest nicht so richtig. Du hast aber auch einen langen Flug hinter dir. Du bist müde und sehnst dich nach einer Dusche und einem Bett. Ich bin ausgeschlafen und würde dich am liebsten an beiden Händen packen, um mit dir zum Hafen zu fahren, Sekt zu trinken, einen Joint zu rauchen und den Sommertag zu genießen. Aber langsam langsam.

Nach unserem ersten Wochenende taust du mehr und mehr auf, scheinst dich immer freier zu fühlen. Ich wiederhole meine ersten Worte vom Flughafen wie ein tägliches Mantra: „Wirklich! Du kannst hier tun und lassen was du möchtest.“ Deine braunen Augen strahlen. Immer wieder. Und je öfter du mein Freiheitsversprechen hörst, desto mehr glaubst du es und handelst danach.

Als du an einem Nachmittag von einem geführten Stadtspaziergang für Touristen zurückkommst, hast du ein Funkeln in den Augen und ein Lächeln, das verrät, dass da mehr war als nur das Entdecken von Sehenswürdigkeiten. Wir setzen uns auf den Balkon, du erzählst mir davon und wir kichern wie Teenager.

Es ist Sommer und es ist heiß. Die Luft flirrt, während wir auf Open Airs tanzen, der Wind ist warm, als wir an der Ostsee betrunken am Strand liegen, die Pizza schmeckt in der hochsommerlichen Abendhitze der Stadt noch besser und wir genießen diese Zeit zusammen. Hier ist es egal, wie kurz dein Rock ist, wie betrunken du barfuß durch du Stadt wankst, wann du ins Bett gehst, hier darfst du dich in der Öffentlichkeit küssen, hier und jetzt ist deine Freiheit.

(August 2013)

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