Türchen Drei

„Irgendwann schlief ich ein. Da erschien mir eine Frau in einem blauen Kleid, so blau wie der Himmel von Malula. Sie sprach leise und streichelte meine Nase.
»Hast du Geduld, Milad?«, fragte sie, und als ich nickte, fuhr sie fort: »Du musst das Dorf verlassen. Viele müssen das Dorf verlassen, aber nur dir gehört mein Schatz. In den nächsten Jahren musst du einmal einundzwanzig Tage hintereinander satt werden. Dann sollst du zu mir kommen, und so, wie der Regenbogen mit seinen Farben den Himmel beschenkt, werde ich dein Herz mit Freuden erfüllen.« Das war es, was die Fee versprach. Ich wachte auf und spürte wieder den Hunger, aber meine Nase schmerzte nicht mehr.“

(Rafik Schami: Milad. Von einem, der auszog, um einundzwanzig Tage satt zu werden.)


Mein digitaler Adventskalender

Jeden Tag ein Türchen mit Zitaten aus Büchern, die mich berührt und inspiriert haben.

Türchen Zwei

„Ich lief in eine Buchhandlung auf der Istiklâl und blätterte türkische Lyrikbände durch. Ich fütterte den Pudel einer Frau vor dem Buchladen mit Lakritzstangen – die Frau beschimpfte mich. Ich setzte mich in eine Teestube, verließ sie aber wieder ohne einen Schluck Tee. Ich kaufte Zeitungen am Kiosk und las sie nicht. Vor dem Eingangstor des Galatasaray-Gymnasiums, den Säulen, der hohen Holztür aus osmanischen Zeiten, diskutierte ich mit einem Aktivisten über Atomkraftwerke und befürwortete sie. Ich ließ mich über Musikinstrumente beraten in der Musikantenstraße und verweigerte einem Akkordeonspieler Almosen. Ich wartete auf Regen, auf Hagel und Schnee, aber die Sonne schien, und Passanten trugen teure Sonnenbrillen. Ich aß eine Packung Gummibärchen, weil ich gehört hatte, dass sie aus gemahlenem Schweineknochen bestehen. Ich kaufte fünf Luftballons und ließ sie auf der Galatabrücke frei und sah zu, wie sie dem offenen Meer entgegenflogen.“

(Deniz Utlu: Die Ungehaltenen.)


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Türchen Eins

„Haben Sie schon einmal einen Fremden geküsst? Ich trinke jetzt noch einen Schluck Weißwein aus der Friaul. Ich trinke auf uns. Ich bin schon ein bisschen betrunken. Aber nicht viel. Und jetzt kommen wieder Sie an die Reihe. Schreiben Sie mir, Emmi. Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.“

(Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind.)

 


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