Ein Teddy auf Reisen

Straße für Straße liefen wir nebeneinander und versuchten zusammen Gemeinsamkeiten im Gefallen und Nichtgefallen der Stadt zu entdecken. Ich machte Fotos, um unsere Minireise zu dokumentieren.

Ein halbes Jahr später, in einem schwachem Moment, gucke ich mir die Bilder unserer gemeinsamen Zeit an. Ich öffne auf der externen Festplatte „201111_Leipzig“.

Bilder aus Leipzig, als ich im November durch die Stadt schlenderte und meinen Blick nach vorne richtete, suchend nach etwas, worüber ich reden konnte. Ein gemütlicher Wochenendtrip sollte es werden. Das Wetter war alles andere als gemütlich, es war arschkalt. Und die uns noch am selben Abend bevorstehenden, ach so grundlegenden Aussprachen, von denen ich immer hoffte, dass sie uns – wenn sie erst einmal durchgestanden waren – wenigstens noch mehr zusammen schweißten, sollten auch nicht gemütlich werden. Aber schön war es trotzdem, irgendwie.

Ernüchterung. Kaum Bilder, die von einer glücklichen Zeit zeugen, von der ich absolut sicher bin, dass wir sie dort hatten. Keine Bilder, die mir die Tränen in die Augen treiben, wie ich es jetzt bräuchte. Dann eben nicht. Pah! Ich kann auch so traurig sein, ganz ohne Tränen.
Stattdessen Bilder von Trabis, grauen Altbaufassaden und einem Laternenaushang:

teddy

Was ist denn das? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnen. Irgendwo hat wohl vor einem halben Jahr ein Kind bittere Tränen geweint, um seinen Teddy. Bittere Tränen um die glücklichen Zeiten mit seinem geliebten Teddy. Beneidenswert.

Ich starre auf das Bild und versuche mich in den kleinen teddylosen Menschen hineinzufühlen. Traurig. Sehr traurig. Aber meine Tränen wollen nicht kommen.

Dann eben nicht. Vielleicht ist der kleine weiße Teddy inzwischen auch längst wieder zurückgekehrt und alles ist wieder gut. Vielleicht hatte er sich irgendwo unter’m Bett versteckt oder war für ein Wochenende im Kindergarten geblieben. Brauchte vielleicht mal etwas Abstand, der Gute. War vielleicht mal kurz aus dem Alltag mit der erdrückenden Kinderliebe geflüchtet. Bestimmt war jetzt alles wieder gut. Der Teddy zurück im Schoß des liebenden Kindes. Oder der Teddy war jetzt in einem anderen Kinderbettchen zufrieden und das Kind mit Teddy 2, Schnuffi, Hasi, Hundi oder was auch immer glücklich. Bestimmt war jetzt alles wieder gut. Die Glücklichen!

Alle glücklich, außer mir. Ich armes Mädchen.

Wie von selbst – eigentlich nur von meiner manchmal lästigen Neugier getrieben – schreibe ich eine Nachricht an die Nummer auf dem Aushang. Ich frage, ob der entlaufene Teddy inzwischen zurück sei.

Kurz darauf kingelt mein Telefon.

Ein freundliche Männerstimme fragt, ob ich den Aushang gerade erst entdeckt hätte und ich etwas wüsste. Ähm, nein. Ich bin in Hamburg und hab den Aushang vor einem halben Jahr forografiert und interessiere mich jetzt für die Geschichte dahinter:

Die kleine Greta, heute zweieinhalb Jahre alt, hat letztes Jahr im November mit ihrer Mama den Papa in Leipzig besucht. (Ein Scheidungskind. Das arme Ding. Ich fühle mit.) Als die beiden mit dem Fahrrad unterwegs waren, ist der kleine weiße Teddy verloren gegangen. Vermutlich aus dem Fahrradkorb gehüpft, als sie über das Kopfsteinpflaster fuhren. Als der Verlust entdeckt wurde, war Greta untröstlich. Sie weinte und konnte ohne ihren Teddy nur ganz schlecht einschlafen. Also machte ihr Papa viele Aushänge – in der Hoffnung, dass sich der Finder des Teddys meldet.

Es haben sich sehr viele Menschen gemeldet. (Vermutlich hat Papa die ganze Stadt zugepflastert, um seine kleine Tochter und Teddy wieder zu vereinen.) Einige sagten, dass sie einen Teddy übrig hätten und ihn gerne abgeben würden. Aber Greta wollte keinen anderen Teddy, sie wollte ihren Teddy. (Recht hat sie. Die Liebe ist nicht einfach austauschbar!) Es gab sogar den Hinweis, ihn auf einem Bauzaun gesehen zu haben. Gretas Papa fuhr sofort zu dem Zaun, aber der Teddy war nicht mehr dort.

Er selbst hatte ihn vor vielen Jahren von einer Freundin geschenkt bekommen. Eines Tages hatte ihn Greta in seiner Wohnung gesehen und es war für sie Liebe auf den ersten Blick. Der Papa hat ihn seiner Tochter gern überlassen, mit dem Gefühl, dass sie gut auf ihn Acht geben würde. Dass er dann auf dem Rad verloren ging, war nicht Gretas Schuld. Das betont der Papa.

Seither versucht Gretas Papa diesen Teddy oder eben genau so einen Teddy zu finden. Er hat bereits Spielzeugmuseen und Plüschtierproduktionsstätten angeschrieben, in jedem Geschäft für Stofftiere geschaut und seine Freundin gefragt, wo sie ihn damals gekauft hatte. Sie kann sich leider nicht genau erinnern.

Um Greta zu trösten, hat ihre Mama ihr einen anderen kleinen Teddy geschenkt. Er wurde nicht halb so sehr geliebt und wurde von ihr verbummelt. Aber die Trauer um den Ersatzteddy war gering und schnell vergessen. Der Verlust des kleinen weißen Teddys wiegt noch immer schwer. Auch der liebevoll bemühte Versuch des Vaters, einen sehr ähnlichen Teddy mittels absichtlicher Schmutzbäder und folgender Waschmaschinengänge alt und nach Gretas Teddy aussehn zu lassen und als den wiedergefundenen Teddy zu präsentieren, scheiterte kläglich. Ein zweieinhalb Jahre altes Mädchen hinters Licht zu führen – Fehlanzeige!

Bis heute, über ein halbes Jahr später, bittet Greta ihren Papa, ihr vor dem Schlafengehen das Bild des kleinen weißen Teddys zu zeigen. Unter Tränen hört sie ihrem Papa zu, wenn er ihr Abend für Abend erzählt, dass ihr Teddy auf Reisen ist. Und nicht nur Greta hofft, dass er eines Tages von seiner langen Reise zu ihr zurückkehrt.

Ich höre dem verzweifelten Vater zu, dann verabschieden wir uns und legen auf.

Jetzt fließen sie, meine Tränen. Stille Rinnsale über meine Wangen.

(April 2012)

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