Türchen Neunzehn

„Als er übernächtigt und glücklich mit dem Zug nach Berlin fuhr, bereitete er sich auf das Gespräch mit Jutta vor. Es würde nicht einfach werden. Sie waren seit zwölf Jahren verheiratet, hatten gute und schlechte Tage, die Sorge um die drei Kinder, die schwere Schwangerschaft bei der Tochter, den Kampf um den beruflichen Erfolg und einen Seitensprung von ihr und zwei von ihm bewältigt. Ihm war, als seien sie miteinander verwachsen, sie ein Stück von ihm und er ein Stück von ihr. Sie waren immer offen miteinander gewesen und offen auch dafür, dass die Welt sich verändert, die Verhältnisse in Bewegung sind und mit den Verhältnissen die Menschen. Es würde auch nicht einfach werden, die Kinder mit Trennung und Scheidung und mit der neuen Frau in seinem Leben zu konfrontieren. Aber Jutta würde fair sein und Veronika die richtige Art, den richtigen Ton mit den Kindern schon finden. Sie war einfach wunderbar.
In Berlin war der Teufel los. Im Dach der Ansbacher Straße, das sie gerade ausbauten, war nachts Feuer ausgebrochen. Und die Tochter war krank. Und die Frau, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte, war für zwei Wochen bei ihrer Familie in Polen. Als Thomas und Jutta am Abend um zehn Uhr in der Küche saßen und Pizza aßen, waren sie völlig erschöpft.
»Ich möchte dir was sagen.« Er hielt sie zurück, als sie vom Essen aufstand und ins Schlafzimmer gehen wollte.
»Ja?«
»Ich habe eine Frau kennengelernt. Ich meine, ich habe mich in eine Frau verliebt.«
Sie schaute ihn an. Ihr Gesicht war undurchdringlich. Oder war es müde? Dann lächelte sie und gab ihm einen schnellen Kuss. »Ja, mein Schatz. Das letzte Mal ist auch vier Jahre her.« Sie rechnete. »Und das vorletzte Mal acht.« Sie blieb einen Moment stehen und sah zu Boden. Er wusste nicht, ob sie noch etwas sagen wollte oder darauf wartete, dass er noch etwas sagen würde. Sie sagte: »Machst du bei Regula bitte das Fenster zu?«
Er nickte. Seine Tochter hatte immer noch Fieber. Als er sie zugedeckt und eine Weile ihrem Schlaf zugeschaut hatte, lag Jutta im Bett. Ihm kam es plötzlich kindisch vor, auf der Couch im Wohnzimmer zu schlafen, wie er es sich vorgenommen hatte. Er zog sich aus und legte sich auf seine Seite des Betts. Jutta kuschelte sich an ihn, schon halb im Schlaf.“

(Bernhard Schlink: Zuckererbsen. Aus: Liebesfluchten.)


Mein digitaler Adventskalender

Jeden Tag ein Türchen mit Zitaten aus Büchern, die mich berührt und inspiriert haben.

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