Türchen Acht

„Wer einmal nicht nur mit den Augen, etwa als Luxusreisender auf einem Touristendampfer, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland, an welches jedes leiseste Zeichen ihn mahnend erinnert. Wieviel tausendmal, seit ich vor vierzehn Jahren in Indien war, haben Kleinigkeiten auf dem Umweg über die Sinne mich erinnert, mich gemahnt, mir Heimweh geweckt! Einmal war es eine blecherne Palme im Ladenfenster eines Tabakhändlers, unter der ein rauchender Schwarzer stand, ein andermal war es der Geruch von Gewürzen, der Geschmack von Curry oder Ingwer, oder der Duft von Sandelholz, der indischste aller Gerüche.“

(Hermann Hesse: Sehnsucht nach Indien.)


Mein digitaler Adventskalender

Jeden Tag ein Türchen mit Zitaten aus Büchern, die mich berührt und inspiriert haben.

Türchen Sieben

„Ich wachte gegen Mittag auf, die Klimaanlage erzeugte einen tiefen Summton; meine Kopfschmerzen hatten etwas nachgelassen. Ich lag quer auf dem king size-Bett und machte mir Gedanken über den Ablauf der Rundreise und alles, was dabei auf dem Spiel stand. Die bis dahin noch nicht formierte Gruppe würde sich in eine lebendige Gemeinschaft verwandeln; bereits an diesem Nachmittag musste ich mich positionieren und schon die ersten Shorts für den Ausflug auf die ‚klongs‘ auswählen. Ich entschied mich für ein halblanges, nicht zu eng anliegendes Modell aus blauem Jeansstoff, das ich durch ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Radiohead‘ vervollständigte; dann stopfte ich ein paar Sachen in den Rucksack. Im Badezimmerspiegel betrachtete ich mich mit Abscheu: Mein verkrampftes Bürokratengesicht stand im krassen Gegensatz zu meiner Aufmachung. Ich glich letztlich genau dem, was ich war: ein Beamter um die Vierzig, der versuchte, sich für die Dauer der Ferien als junger Mann zu verkleiden; es war deprimierend.“

(Michel Houellebecq: Plattform.)


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Türchen Sechs

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.
Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt.
Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

(Michael Ende: Momo.)


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Türchen Fünf

„Ich vermeide es nach Möglichkeit, viel Kontakt mit anderen Menschen zu haben. Wenn ich nämlich nicht so besonders viel von diesen anderen mitbekomme, kann ich mir die Illusion bewahren, ich wäre eigentlich, im tiefen Grunde meines Herzens, ein Menschenfreund. Zu häufige tatsächliche Begegnungen zerstören sehr nachhaltig dieses Selbstbild.“

(Sarah Schmidt: Bitte nicht freundlich.)


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Türchen Vier

„Ich merkte, dass meine Hände schweißnass geworden waren. Aber ich wollte natürlich den ganzen Brief meines Vaters lesen. Vielleicht war es gut, dass er einen Brief in die Zukunft geschickt hatte, vielleicht nicht. Es war noch zu früh, um mir dazu wirklich eine Meinung zu bilden.
Er muss ein komischer Kauz gewesen sein, dachte ich, jedenfalls mit neunzehn, in diesem Herbst gegen Ende der Siebzigerjahre, denn ich fand, er machte zu viel Aufhebens um eine Frau, die mit einer großen Orangentüte in den Armen in der Straßenbahn nach Frogner gestanden hatte. Es kommt doch nicht so selten vor, dass Männer und Frauen Blicke wechseln, das haben sie sicher schon seit Adam und Eva so gemacht.
Warum hatte er nicht einfach geschrieben, dass er sich in sie verliebt hatte? Das hatte die junge Dame sicher längst begriffen, als er sich über ihre Orangen hergemacht hatte. Er hatte schließlich auch einen Arm um sie gelegt. Vielleicht hatte er sich heimlich gewünscht, einen Orangenwalzer mit ihr tanzen zu können.
Wenn Kinder sich verlieben, raufen sie sich oder ziehen einander an den Haaren. Einige bewerfen sich auch gegenseitig mit Schneebällen. Aber einem Neunzehnjährigen hatte ich bisher mehr Verstand zugetraut.
Doch ich hatte erst den Anfang der Geschichte gelesen. Vielleicht hatte es um dieses »Orangenmädchen« wirklich ein Geheimnis gegeben? Wenn nicht, hätte mein Vater doch wohl kaum so viel über sie geschrieben. er war krank, er wusste, dass er vielleicht sterben müsste. Also musste das, was er schrieb, für ihn sehr wichtig gewesen sein, und vielleicht war es das für mich auch.“

(Jostein Gaarder: Das Orangenmädchen.)


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Türchen Drei

„Irgendwann schlief ich ein. Da erschien mir eine Frau in einem blauen Kleid, so blau wie der Himmel von Malula. Sie sprach leise und streichelte meine Nase.
»Hast du Geduld, Milad?«, fragte sie, und als ich nickte, fuhr sie fort: »Du musst das Dorf verlassen. Viele müssen das Dorf verlassen, aber nur dir gehört mein Schatz. In den nächsten Jahren musst du einmal einundzwanzig Tage hintereinander satt werden. Dann sollst du zu mir kommen, und so, wie der Regenbogen mit seinen Farben den Himmel beschenkt, werde ich dein Herz mit Freuden erfüllen.« Das war es, was die Fee versprach. Ich wachte auf und spürte wieder den Hunger, aber meine Nase schmerzte nicht mehr.“

(Rafik Schami: Milad. Von einem, der auszog, um einundzwanzig Tage satt zu werden.)


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Türchen Zwei

„Ich lief in eine Buchhandlung auf der Istiklâl und blätterte türkische Lyrikbände durch. Ich fütterte den Pudel einer Frau vor dem Buchladen mit Lakritzstangen – die Frau beschimpfte mich. Ich setzte mich in eine Teestube, verließ sie aber wieder ohne einen Schluck Tee. Ich kaufte Zeitungen am Kiosk und las sie nicht. Vor dem Eingangstor des Galatasaray-Gymnasiums, den Säulen, der hohen Holztür aus osmanischen Zeiten, diskutierte ich mit einem Aktivisten über Atomkraftwerke und befürwortete sie. Ich ließ mich über Musikinstrumente beraten in der Musikantenstraße und verweigerte einem Akkordeonspieler Almosen. Ich wartete auf Regen, auf Hagel und Schnee, aber die Sonne schien, und Passanten trugen teure Sonnenbrillen. Ich aß eine Packung Gummibärchen, weil ich gehört hatte, dass sie aus gemahlenem Schweineknochen bestehen. Ich kaufte fünf Luftballons und ließ sie auf der Galatabrücke frei und sah zu, wie sie dem offenen Meer entgegenflogen.“

(Deniz Utlu: Die Ungehaltenen.)


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Türchen Eins

„Haben Sie schon einmal einen Fremden geküsst? Ich trinke jetzt noch einen Schluck Weißwein aus der Friaul. Ich trinke auf uns. Ich bin schon ein bisschen betrunken. Aber nicht viel. Und jetzt kommen wieder Sie an die Reihe. Schreiben Sie mir, Emmi. Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.“

(Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind.)

 


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Next Stop: McLeod Ganj

Eine Busreise von Dehli bis an den Fuß des Himalayas

Im Juni ist es in der indischen Hauptstadt Delhi nicht selten wärmer als 45 Grad. Auch im Jahr Zweitausendzwölf waren es Anfang des Monats schon 47 Grad. Für Europäer sind das Temperaturen, die einem viel abverlangen: nach zwei Minuten an der „frischen“ Luft durchgeschwitzt wie nach einem Langstreckenlauf, schnelle Erschöpfung und Müdigkeit, Durchatmen fühlt sich an wie über einem Dampfbad oder in der Sauna, schlafen mit den surrenden Geräuschen von Klimaanlage und Ventilator, abkühlende Seen oder das Meer sind Tagesreisen entfernt, Abhilfe schafft nur der Besuch einer klimatisierten Shopping-Mall. Kurz um: Nach einer Woche ist die Sehnsucht nach Temperaturen unter 40 Grad unbändig.  „Next Stop: McLeod Ganj“ weiterlesen