Türchen Vierzehn

„Vor vielen Jahren beauftragte mich das Museum mit der Restaurierung dieser Violine. Als ich sie in der Werkstatt öffnete, um die Risse im Holz zu reparieren, entdeckte ich innen auf der Decke ein Gedicht. Ein  Liebesgedicht. Dass es mehr als zweieinhalb Jahrhunderte von niemandem mehr gelesen worden war, bestürzte mich. Ich erinnere mich noch an die Intensität der Worte, deren Entdeckung mir durch eine unerklärliche Bestimmung vorbehalten war:

Die Wälder und Ströme schweigen,
Das Meer liegt ohne Wellen.
In ihren Höhlen ruhn
Die Winde befriedet. Der helle
Mond in dämmernder Nacht
Bereitet erhabene Stille.
Und wir verbergen
Die Liebe Süße.
Rede nicht, atme nicht, Amor.
Stumm sei mein Schmachten nach dir,
Stumm seien unsere Küsse.

Durch einen belesenen Freund erfuhr ich, dass das Gedicht von Torquato Tasso stammte. Aber das war mir gleich. Ich hatte Fragen über Fragen. Wer hatte es abgeschrieben? Und warum? Und wenn es der Geigenbauer selbst gewesen war: Für wen hatte er dann die Geige gebaut? Für seine Geliebte? Warum mussten sie ihre Liebe geheimhalten? Die Neugier plagte mich.“

(Eduard Márquez: Das Schweigen der Bäume.)


Mein digitaler Adventskalender

Jeden Tag ein Türchen mit Zitaten aus Büchern, die mich berührt und inspiriert haben.

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