Türchen Siebzehn

„Neftalí war froh, dass er den Wald auf eigene Faust erkunden durfte. In andächtigem Staunen machte er  die ersten Schritte. Und obwohl er brav in der Nähe des Zuges blieb, hatte er plötzlich das Gefühl, unter der Kuppel eines riesigen Doms zu stehen, in einer Welt ohne Himmel.
Nach ein paar weiteren zögernden Schritten blieb er erneut stehen und staunte über all das Neue, was er sah: die Unterseiten gewaltiger Wedel, die leuchtenden Flügel von Insekten, die Vogelfedern und die Schoten, die von dem Baldachin über seinem Kopf baumelten. Er stopfte seine Taschen voll mit Zweigen und glitschigen Rebhuhneiern. Er drehte tote Äste um und entdeckte Mulden, in den Spinnen zu Hause waren.
Den ganzen Vormittag über streifte Neftalí durch diese fremde Welt und schwelgte in den Gerüchen von feuchtem Laub, wilden Kräutern und Zimt. Mit einem Stöckchen räumte er ein Stück Erde frei, um darauf zu schreiben. Genüsslich flüsterte er den Bäumen die Wörter zu, die er gerade schrieb, und freute sich über die rhythmischen Laute, die über seine Lippen kamen. 
Er schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war. Wenn Vater ihn sah oder hörte, dass er vor sich hin murmelte, würde er ihn erst recht für einen Träumer halten! Tat er etwas Falsches?
Er wischte die Wörter weg und verteilte mit den Füßen wieder Blätter über der Stelle.“

(Pam Muños Ryan: Der Träumer.)


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Türchen Sechzehn

„Eigentlich lebe ich jetzt gern im Wald, und es wird mir schwerfallen, ihn zu verlassen. Aber ich werde zurückkommen, wenn ich dort drüben jenseits der Wand am Leben bleiben werde. Manchmal stelle ich mir vor, wie schön es gewesen wäre, hier im Wald meine Kinder groß zu ziehen. Ich glaube, das wäre für mich das Paradies gewesen. Aber ich zweifle daran, dass es auch meinen Kindern so gut gefallen hätte. Nein, es wäre doch nicht das Paradies gewesen. Ich glaube, es hat nie ein Paradies gegeben. Ein Paradies könnte nur außerhalb der Natur liegen, und ein derartiges Paradies kann ich mir nicht vorstellen. Der Gedanke daran langweilt mich, und ich habe kein Verlangen danach.“

(Marlen Haushofer: Die Wand.)


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Türchen Fünfzehn

„Normal habe ich so um die 300 Anschläge pro Minute. In diesen Stunden schaffe ich mindestens das Doppelte. Ich hacke alles in der Geschwindigkeit runter, in der ich es denke, und schicke es ohne Korrekturen ab.
Gleichzeitig kommt es zu einer subjektiven Zeitausdehnung um den Faktor 5 bis 6. Ich teste das, indem ich immer, bevor ich auf die Uhr blicke, die Zeit schätze. Auch als ich die merkwürdige Diskrepanz lange genug beobachtet habe und bei meinen Schätzungen zu berücksichtigen versuche, bleibt es dabei: Ich tippe weiter um den Faktor 5 daneben. Subjektiv sind fünf Stunden vergangen, tatsächlich ist es nur eine. Auch alle Fußwege verlängern sich um denselben Faktor, und ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass ich weder langsam bin noch in meiner Schusseligkeit Umwege gehe, sondern dass Weg und Zeit proportional sind: Meine ganze Welt dehnt sich aus.“

(Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur.)


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Türchen Vierzehn

„Vor vielen Jahren beauftragte mich das Museum mit der Restaurierung dieser Violine. Als ich sie in der Werkstatt öffnete, um die Risse im Holz zu reparieren, entdeckte ich innen auf der Decke ein Gedicht. Ein  Liebesgedicht. Dass es mehr als zweieinhalb Jahrhunderte von niemandem mehr gelesen worden war, bestürzte mich. Ich erinnere mich noch an die Intensität der Worte, deren Entdeckung mir durch eine unerklärliche Bestimmung vorbehalten war:

Die Wälder und Ströme schweigen,
Das Meer liegt ohne Wellen.
In ihren Höhlen ruhn
Die Winde befriedet. Der helle
Mond in dämmernder Nacht
Bereitet erhabene Stille.
Und wir verbergen
Die Liebe Süße.
Rede nicht, atme nicht, Amor.
Stumm sei mein Schmachten nach dir,
Stumm seien unsere Küsse.

Durch einen belesenen Freund erfuhr ich, dass das Gedicht von Torquato Tasso stammte. Aber das war mir gleich. Ich hatte Fragen über Fragen. Wer hatte es abgeschrieben? Und warum? Und wenn es der Geigenbauer selbst gewesen war: Für wen hatte er dann die Geige gebaut? Für seine Geliebte? Warum mussten sie ihre Liebe geheimhalten? Die Neugier plagte mich.“

(Eduard Márquez: Das Schweigen der Bäume.)


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Türchen Dreizehn

„Der Fremde freute sich über die Pfiffigkeit des Mädchens. Wie gut, er hatte die richtige Person ausgewählt – wie immer.
»Ich bin nach Bescos gekommen, weil ich einen Plan habe. Vor langer Zeit hab ich ein Theaterstück eines Autors namens Dürrenmatt gesehen, den Sie gewiss kennen…«
Diese Bemerkung war als Provokation gedacht. Natürlich hatte dieses junge Mädchen noch nie den Namen Dürrenmatt gehört und würde wieder blasiert tun, so als wüsste sie, wer das war.
»Ja, und«, sagte Chantal gespielt gleichgültig.
»Es freut mich, dass Sie ihn kennen, ich will Ihnen aber auch sagen, welches seiner Stücke ich meine.« Er wählte seine Worte mit Bedacht, so dass sie nicht übermäßig ironisch klangen, aber doch klarmachten, dass er wusste, dass sie log. »Es geht darin um eine alte Dame, die als reiche Frau in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich an ihrem einstigen Liebhaber zu rächen, der sie abgewiesen hatte, als sie noch ein junges Mädchen war, Ihr ganzes Leben, ihre Ehen, ihr finanzieller Aufstieg hatten nur dem einen Ziel gegolten: sich an ihrer ersten Liebe zu rächen.
Von dieser Geschichte ausgehend entwickelte ich mein eigenes Spiel: ich würde in einen abgelegenen Ort gehen, deren Bewohner eine Leben voller Freude, Frieden und Mitgefühl führen, und würde sehen, ob ich es schaffe, dass einige die wichtigsten Gebote brechen.«
Chantal wandte den Blick ab und schaute auf die Berge. Sie wusste, dass der Fremde gemerkt hatte, dass sie diesen Schriftsteller nicht kannte, und fragte sich bang, was nun kommen würde.“

(Paulo Coelho: Der Dämon und Fräulein Prym.)


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Türchen Zwölf

„Dass eine große, schwarze tropische Katze über zwei Monate lang im schweizerischen Winter überleben konnte, ohne dass jemand sie sah, und dass diese Katze nicht im Traum daran dachte, jemanden anzugreifen, zeigt, dass Tiere, die aus einem Zoo entweichen, keine entflohenen Sträflinge sind, sondern einfach nur Geschöpfe der Natur, die einen Platz zum Leben suchen,
Und das ist nur einer von vielen Fällen. Wenn Sie eine Stadt wie Tokio auf den Kopf stellten und kräftig schüttelten – Sie würden staunen, was da an Tieren herausfiele. Nicht nur Hunde und Katzen. Da spannen Sie besser den Regenschirm auf, denn es würde Boa Constrictors, Komodowarane, Krokodile, Piranhas, Strauße, Wölfe, Luchse, Wallabies, Manatis, Stachelschweine, Orang-Utans und Wildsauen regnen.“

(Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger.)


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Türchen Elf

»Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit. Die Wiederholung ist ihr Tod. Ein Tag, an dem alles gleich ist wie am Vortag, wäre der Beweis, dass es in Wirklichkeit die Zeit ist, die ausbleibt. Und ein Tag, an dem alles gleich ist wie an einem Tag vor Jahren, erst recht.«
Er wartete einen Moment, bis er den Eindruck hatte, Taler sei ihm gefolgt. Dann fuhr er fort: »Es gibt ein Indiz dafür, dass die Zeit vergeht: die Veränderung. Die Zeit ist wie eine Krankheit. Man erkannt sie nur an ihren Symptomen. Wenn sie weg sind, dann ist auch die Krankheit weg.«
Krupp trug beide Bierflaschen in die Küche und kam mit zwei neuen zurück. Er stellte sie sorgfältig auf die Untersätze auf den Tisch und setzte sich.
»Wenn uns jemand vor einer Viertelstunde fotografiert hätte, als die Flaschen noch voll waren, und jetzt wieder, wo sie wieder voll sind, und die Fotos vergleichen würde, würde er glauben, es seien nur Sekunden vergangen. Wenn wir uns anstrengen würden, ganz genau gleich zu sitzen wie auf dem ersten Bild, wäre keine Zeit vergangen. Wir könnten uns so in den Augenblick vor einer Viertelstunde zurückbegeben.«
Er nahm sein Bier vom Tisch. »Auf dieselbe Art können wir uns auch Tage, Monate, Jahre zurückversetzen.«

(Martin Suter: Die Zeit, die Zeit.)


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Türchen Zehn

„Ruth saß in einer leeren Wohnung in Tel Aviv. Obwohl – richtig leer ginge anders. Es gab eine Matratze und ein paar weiße Schachteln von Ikea, eine Kaffeemaschine, einen Topf. In einer Flasche steckten Äste. Völlig unbekannte Äste. Ruth hielt Äste neben Bambus für die einzige akzeptable Blumenform. Sehr reizend, das kleine Grün aus dunklen Zweigen – doch nun staken da Äste, deren Knospen fast wie dicke Insekten am Stamm saßen. Ein großes Gefühl der Unvertrautheit – Äste, die man nicht versteht.
Ruth saß in der leeren Wohnung in einem Zustand völliger Verwirrung. Die Nerven in ihrem Körper vibrierten dermaßen, dass der Körper vor lauter Entsetzen mit einer Art Koma antwortete. Nun, wissenschaftliche Erklärungen waren nie ihres gewesen, Ruth wusste nicht genau, ob Nerven wirklich vibrieren konnten.
Um sich zu beruhigen, überlegte sie, wann ihr schon mal ein ähnliches Gefühl von Verzweiflung begegnet war, dieser Zustand, da ein Selbstmord fast vorstellbarer schien als weiterzumachen.
Aber zum Selbstmord bräuchte es eine zielgerichtete Aktion, und die war genauso unvorstellbar, wie zu tun, was man als Mensch so tut. Essen, rumlaufen, lesen, Zeit herumbringen.“

(Sibylle Berg: Die Fahrt.)


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Türchen Neun

„Und plötzlich war da ein Meer mit einem Schiff, nur für Max, und er segelte davon, Tag und Nacht und wochenlang und fast ein ganzes Jahr bis zu dem Ort, wo die wilden Kerle wohnen.“

(Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen.)


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