Türchen Einundzwanzig

„Auf der Rolltreppe zur Metro glitten die Petersburger an mir vorbei. Keine Frau, die nicht frisiert, geschminkt oder adrett gekleidet gewesen wäre. Und die Männer, eine Stufe unter ihnen, blickten sie an wie etwas Kostbares. Am Bahnsteig gab es eine lustige Drängelei: eine Art kollektiver Fortbewegung. Konnte ich einen Schritt nicht vollenden und stürzte schon, fand ich unversehens mein Gleichgewicht an fremden Schultern oder Rücken wieder.
Als ich den Gemüsemarkt erreichte, lief ich durch ein Spalier der Händler, die mich heranwinkten, als würden sie sich Luft zufächern. Ich probierte von den Wassermelonen und kostete Honig. Doch so fürsorglich man zu mir war, so grob vertrieb man eine Bettlerin, stieß mit Stöcken nach ihr, sobald sie eine Frucht berührte. Sie stöhnte auf, schlug die Hände vors Gesicht. Keine Stelle, die nicht blutig oder grindig war, ihr schwarzer Mantel schleifte im Staub, glänzte. Ich trat die zwei Schritte hinüber, steckte einen Zehntausender in ihre halb geschlossene Hand – und wich vor dem beißenden Geruch zurück. Trotzdem würde sie jetzt keine mehr von seinem Stand jagen. 
Sie besah sich lange den Schein, stopfte ihn dann in die Tasche und glotze mich an. Statt aber den winkenden Händen zu folgen, verneigte sie sich vor mir, segnete mich, dankte, weinte, segnete, dankte, lallte mit schwerer Zunge und aufgerissenen Augen.“

(Ingo Schulze: 33 Augenblicke des Glücks.)


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Jeden Tag ein Türchen mit Zitaten aus Büchern, die mich berührt und inspiriert haben.

Türchen Zwanzig

„Wir trafen uns an der Uni, um die Bibliothek zu besichtigen, in allen Sommerkursen war das immer ein Programmpunkt, als würde man nicht sein halbes Leben in mit Büchern vollgestopften Räumen verbringen. Die Professorin wusste nicht, ob Ceaușescu seine letzte Rede, von der man die Fernsehbilder kennt, vom Balkon des ehemaligen Parteigebäudes gehalten hat. So sehr hassen manche diese Zeit, in der man sogar seine Schreibmaschine bei der Polizei deklarieren musste, dass sie sie einfach vergessen wollen. Wir werden deshalb so wenig wie möglich mit Zeitgeschichte oder aktueller Politik belastet. Sie war zum Zeitpunkt der Revolution im Krankenhaus gewesen, um ihr zweites Kind zu bekommen. Ihre Hochzeit werde sie nie vergessen, weil die einzigen Schuhe, die sie auftreiben konnte, eine Nummer zu klein waren.“

(Jochen Schmidt: Gebrauchsanweisung für Rumänien.)


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Türchen Neunzehn

„Als er übernächtigt und glücklich mit dem Zug nach Berlin fuhr, bereitete er sich auf das Gespräch mit Jutta vor. Es würde nicht einfach werden. Sie waren seit zwölf Jahren verheiratet, hatten gute und schlechte Tage, die Sorge um die drei Kinder, die schwere Schwangerschaft bei der Tochter, den Kampf um den beruflichen Erfolg und einen Seitensprung von ihr und zwei von ihm bewältigt. Ihm war, als seien sie miteinander verwachsen, sie ein Stück von ihm und er ein Stück von ihr. Sie waren immer offen miteinander gewesen und offen auch dafür, dass die Welt sich verändert, die Verhältnisse in Bewegung sind und mit den Verhältnissen die Menschen. Es würde auch nicht einfach werden, die Kinder mit Trennung und Scheidung und mit der neuen Frau in seinem Leben zu konfrontieren. Aber Jutta würde fair sein und Veronika die richtige Art, den richtigen Ton mit den Kindern schon finden. Sie war einfach wunderbar.
In Berlin war der Teufel los. Im Dach der Ansbacher Straße, das sie gerade ausbauten, war nachts Feuer ausgebrochen. Und die Tochter war krank. Und die Frau, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte, war für zwei Wochen bei ihrer Familie in Polen. Als Thomas und Jutta am Abend um zehn Uhr in der Küche saßen und Pizza aßen, waren sie völlig erschöpft.
»Ich möchte dir was sagen.« Er hielt sie zurück, als sie vom Essen aufstand und ins Schlafzimmer gehen wollte.
»Ja?«
»Ich habe eine Frau kennengelernt. Ich meine, ich habe mich in eine Frau verliebt.«
Sie schaute ihn an. Ihr Gesicht war undurchdringlich. Oder war es müde? Dann lächelte sie und gab ihm einen schnellen Kuss. »Ja, mein Schatz. Das letzte Mal ist auch vier Jahre her.« Sie rechnete. »Und das vorletzte Mal acht.« Sie blieb einen Moment stehen und sah zu Boden. Er wusste nicht, ob sie noch etwas sagen wollte oder darauf wartete, dass er noch etwas sagen würde. Sie sagte: »Machst du bei Regula bitte das Fenster zu?«
Er nickte. Seine Tochter hatte immer noch Fieber. Als er sie zugedeckt und eine Weile ihrem Schlaf zugeschaut hatte, lag Jutta im Bett. Ihm kam es plötzlich kindisch vor, auf der Couch im Wohnzimmer zu schlafen, wie er es sich vorgenommen hatte. Er zog sich aus und legte sich auf seine Seite des Betts. Jutta kuschelte sich an ihn, schon halb im Schlaf.“

(Bernhard Schlink: Zuckererbsen. Aus: Liebesfluchten.)


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Türchen Achtzehn

„Aber zumindest ein Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago. Ich war Anfang November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der Lage erkundigte, es würde der härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme Stadt zustande bringen könnte. (…)
Und der Wind wehte scheußlich vom Michigansee herüber durch den ganzen Dezember, und gegen Ende des Monats schlossen auch noch eine Reihe großer Fleischpackereien ihren Betrieb und warfen eine ganze Flut von Arbeitslosen auf die kalten Straßen.
Wir trabten die ganzen Tage durch sämtliche Stadtviertel und suchten verzweifelt nach etwas Arbeit und waren froh, wenn wir am Abend in einem winzigen, mit erschöpften Leuten angefüllten Lokale im Schlachthofviertel unterkommen konnten. Dort hatten wir es wenigstens warm und konnten ruhig sitzen. Und wir saßen, solange es irgend ging mit einem Glas Whisky, und wir sparten alles den Tag über auf für dieses eine Glas Whisky, in das noch Wärme, Lärm und Kameraden einbegriffen waren, all das, was es an Hoffnung für uns noch gab.
Dort saßen wir auch am Weihnachtsabend dieses Jahres und das Lokal war noch überfüllter als gewöhnlich und der Whisky noch wässriger und das Publikum noch verzweifelter.“ 

(Berthold Brecht: Das Paket des lieben Gottes.)


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Türchen Siebzehn

„Neftalí war froh, dass er den Wald auf eigene Faust erkunden durfte. In andächtigem Staunen machte er  die ersten Schritte. Und obwohl er brav in der Nähe des Zuges blieb, hatte er plötzlich das Gefühl, unter der Kuppel eines riesigen Doms zu stehen, in einer Welt ohne Himmel.
Nach ein paar weiteren zögernden Schritten blieb er erneut stehen und staunte über all das Neue, was er sah: die Unterseiten gewaltiger Wedel, die leuchtenden Flügel von Insekten, die Vogelfedern und die Schoten, die von dem Baldachin über seinem Kopf baumelten. Er stopfte seine Taschen voll mit Zweigen und glitschigen Rebhuhneiern. Er drehte tote Äste um und entdeckte Mulden, in den Spinnen zu Hause waren.
Den ganzen Vormittag über streifte Neftalí durch diese fremde Welt und schwelgte in den Gerüchen von feuchtem Laub, wilden Kräutern und Zimt. Mit einem Stöckchen räumte er ein Stück Erde frei, um darauf zu schreiben. Genüsslich flüsterte er den Bäumen die Wörter zu, die er gerade schrieb, und freute sich über die rhythmischen Laute, die über seine Lippen kamen. 
Er schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war. Wenn Vater ihn sah oder hörte, dass er vor sich hin murmelte, würde er ihn erst recht für einen Träumer halten! Tat er etwas Falsches?
Er wischte die Wörter weg und verteilte mit den Füßen wieder Blätter über der Stelle.“

(Pam Muños Ryan: Der Träumer.)


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Türchen Sechzehn

„Eigentlich lebe ich jetzt gern im Wald, und es wird mir schwerfallen, ihn zu verlassen. Aber ich werde zurückkommen, wenn ich dort drüben jenseits der Wand am Leben bleiben werde. Manchmal stelle ich mir vor, wie schön es gewesen wäre, hier im Wald meine Kinder groß zu ziehen. Ich glaube, das wäre für mich das Paradies gewesen. Aber ich zweifle daran, dass es auch meinen Kindern so gut gefallen hätte. Nein, es wäre doch nicht das Paradies gewesen. Ich glaube, es hat nie ein Paradies gegeben. Ein Paradies könnte nur außerhalb der Natur liegen, und ein derartiges Paradies kann ich mir nicht vorstellen. Der Gedanke daran langweilt mich, und ich habe kein Verlangen danach.“

(Marlen Haushofer: Die Wand.)


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Türchen Fünfzehn

„Normal habe ich so um die 300 Anschläge pro Minute. In diesen Stunden schaffe ich mindestens das Doppelte. Ich hacke alles in der Geschwindigkeit runter, in der ich es denke, und schicke es ohne Korrekturen ab.
Gleichzeitig kommt es zu einer subjektiven Zeitausdehnung um den Faktor 5 bis 6. Ich teste das, indem ich immer, bevor ich auf die Uhr blicke, die Zeit schätze. Auch als ich die merkwürdige Diskrepanz lange genug beobachtet habe und bei meinen Schätzungen zu berücksichtigen versuche, bleibt es dabei: Ich tippe weiter um den Faktor 5 daneben. Subjektiv sind fünf Stunden vergangen, tatsächlich ist es nur eine. Auch alle Fußwege verlängern sich um denselben Faktor, und ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass ich weder langsam bin noch in meiner Schusseligkeit Umwege gehe, sondern dass Weg und Zeit proportional sind: Meine ganze Welt dehnt sich aus.“

(Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur.)


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Türchen Vierzehn

„Vor vielen Jahren beauftragte mich das Museum mit der Restaurierung dieser Violine. Als ich sie in der Werkstatt öffnete, um die Risse im Holz zu reparieren, entdeckte ich innen auf der Decke ein Gedicht. Ein  Liebesgedicht. Dass es mehr als zweieinhalb Jahrhunderte von niemandem mehr gelesen worden war, bestürzte mich. Ich erinnere mich noch an die Intensität der Worte, deren Entdeckung mir durch eine unerklärliche Bestimmung vorbehalten war:

Die Wälder und Ströme schweigen,
Das Meer liegt ohne Wellen.
In ihren Höhlen ruhn
Die Winde befriedet. Der helle
Mond in dämmernder Nacht
Bereitet erhabene Stille.
Und wir verbergen
Die Liebe Süße.
Rede nicht, atme nicht, Amor.
Stumm sei mein Schmachten nach dir,
Stumm seien unsere Küsse.

Durch einen belesenen Freund erfuhr ich, dass das Gedicht von Torquato Tasso stammte. Aber das war mir gleich. Ich hatte Fragen über Fragen. Wer hatte es abgeschrieben? Und warum? Und wenn es der Geigenbauer selbst gewesen war: Für wen hatte er dann die Geige gebaut? Für seine Geliebte? Warum mussten sie ihre Liebe geheimhalten? Die Neugier plagte mich.“

(Eduard Márquez: Das Schweigen der Bäume.)


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Türchen Dreizehn

„Der Fremde freute sich über die Pfiffigkeit des Mädchens. Wie gut, er hatte die richtige Person ausgewählt – wie immer.
»Ich bin nach Bescos gekommen, weil ich einen Plan habe. Vor langer Zeit hab ich ein Theaterstück eines Autors namens Dürrenmatt gesehen, den Sie gewiss kennen…«
Diese Bemerkung war als Provokation gedacht. Natürlich hatte dieses junge Mädchen noch nie den Namen Dürrenmatt gehört und würde wieder blasiert tun, so als wüsste sie, wer das war.
»Ja, und«, sagte Chantal gespielt gleichgültig.
»Es freut mich, dass Sie ihn kennen, ich will Ihnen aber auch sagen, welches seiner Stücke ich meine.« Er wählte seine Worte mit Bedacht, so dass sie nicht übermäßig ironisch klangen, aber doch klarmachten, dass er wusste, dass sie log. »Es geht darin um eine alte Dame, die als reiche Frau in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich an ihrem einstigen Liebhaber zu rächen, der sie abgewiesen hatte, als sie noch ein junges Mädchen war, Ihr ganzes Leben, ihre Ehen, ihr finanzieller Aufstieg hatten nur dem einen Ziel gegolten: sich an ihrer ersten Liebe zu rächen.
Von dieser Geschichte ausgehend entwickelte ich mein eigenes Spiel: ich würde in einen abgelegenen Ort gehen, deren Bewohner eine Leben voller Freude, Frieden und Mitgefühl führen, und würde sehen, ob ich es schaffe, dass einige die wichtigsten Gebote brechen.«
Chantal wandte den Blick ab und schaute auf die Berge. Sie wusste, dass der Fremde gemerkt hatte, dass sie diesen Schriftsteller nicht kannte, und fragte sich bang, was nun kommen würde.“

(Paulo Coelho: Der Dämon und Fräulein Prym.)


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